
»Für mein Begräbnis wünsche ich mir den letzten Satz der Siebenten Symphonie von Beethoven. Das ist für mich eine Apotheose der Lebensbejahung«Anfänglich war das Ziel, Meinungen „von der Straße“ zur Kunst Hermann Nitschs einzufangen. Bei der Vorbereitung der Fragen kamen aber bereits erste Zweifel auf, hinsichtlich der Qualität und Verwertbarkeit dieser Interviews. So reifte schließlich die Idee, ganz bestimmte Personen für ein Interview auszuwählen. Die Wahl fiel dabei vorzugsweise auf Menschen, die bei ihrer Arbeit oder ihrer künstlerischen Tätigkeit mit Hermann Nitsch einmal, öfters, oder ständig in engem Kontakt stehen oder standen. Davon versprachen wir uns interessantes „Insiderwissen“, das nicht jedermann bekannt ist.
Die ausgewählten Personen sollten ganz bestimmte Erfahrungsbereiche abdecken:
Karl Bergauer, Musikschullehrer und Leiter der Stadtmusikkapelle von Mistelbach:
Für die Eröffnung des Nitsch-Museums hat Herr Bergauer mit der Stadtmusikkapelle eine Komposition von Hermann Nitsch einstudiert. Die Erfahrungen, die er und seine Musiker dabei gemacht haben, waren Gegenstand des Interviews.
Erich Waltner, Lehrer für Deutsch und Geschichte:
Als Deutschlehrer der Klasse hat Herr Waltner das Projekt von Beginn an unterstützt. Seine Meinung und sein Zugang zum Werk des Künstlers waren gefragt.
Isolde Klughofer, Museumsmitarbeiterin:
Wie „arbeitet es sich“ im Nitsch-Museum in Mistelbach? Welche Erfahrungen mit Besuchern macht man dabei und welchen Einfluss hat die ständige Konfrontation mit dem Werk des Künstlers vor Ort auf das eigene Befinden?
Magdalena Frey, Fotografin:
Magdalena Frey fotografiert mittlerweile selbst seit über 20 Jahren. In ihrer Kunst setzt sie sich mit Frauenbildern, mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft auseinander. Sie geht dabei an Grenzen, zeigt Tabus auf, zeigt nicht nur „Reines und Schönes“, sondern alles, was das Leben ausmacht. Die fotographische Dokumentation der Aktionen und Orgien Mysterien Spielen von Hermann Nitsch sind ein weiteres Arbeitsfeld von ihr.
Die Fragestellung war, inwiefern die Kunst Hermann Nitschs ihre eigene künstlerische Arbeit beeinflusst?
Andreas Stasta, Assistent des Künstlers und passiver Akteur beim OMT:
Welche Tätigkeit hat man als Assistent eines Künstlers wie Hermann Nitsch? Wie ist es, als passiver Akteur an den Orgien-Mysterien-Spielen teilzunehmen (als passiver Akteur ist man nicht aktiv tätig, man wird von anderen Personen getragen, beschüttet…)?
Hermann Nitsch
Bei einem Besuch auf Schloss Prinzendorf hatten einige Schüler die Möglichkeit ganz persönliche Fragen an den Künstler zu stellen und Antworten exklusiv und „aus erster Hand“ zu erhalten.
Die Interviews (mit Ausnahme von Hermann Nitsch und Erich Waltner) fanden im Museumszentrum Mistelbach statt. Sie wurde mit einer Videokamera aufgezeichnet und anschließend transkribiert.
Dirigent, Musiker (Trompete, Gitarre) und Musiklehrer am BORG und der Musikschule Mistelbach
Die musikalischen Werke von Hermann Nitsch sollten als Gesamtkunstwerk gesehen werden, dann ergeben sie auch Sinn. Wenn man die Werke von Hermann Nitsch hört, dann muss man seine normalen Hörgewohnheiten ablegen.
Wie Herr Bergauer sagte, muss man die Musik und die Bilder gleichzeitig betrachten.
Technisch gesehen sind die Werke nicht schwierig zu spielen, sie sind eben einfach ganz anders als normale Musikwerke.
Die Kompositionen sind in Tabellenform notiert und auf Millimeterpapier geschrieben. Für die Musiker ist es sehr wichtig die richtige Lautstärke und die Länge des Tones exakt zu treffen.
Der Einsatz der Instrumente kommt verschoben. Die Musiker spielen ein gewisses Thema, dieses wird oftmals wiederholt.
Für die Künstler ist es auch schwierig das Werk mithilfe der Originalnoten zu spielen, Herr Bergauer muss es auf ein normales Notenpapier übertragen, sodass es einfacher ist zu spielen.
Auch der Zufall spielt eine wichtige Rolle bei den Werken.
Bei der Eröffnung des Museums gab es unterschiedliche Reaktionen zu der Aufführung der Stadtkapelle. Die meisten Mistelbacher anerkennen Nitsch als internationalen Künstler.
Herr Bergauer sagte, dass es eher interessant ist, als dass es ihn begeistert. Für ihn ist die Arbeit mit Nitsch eine wohl bringende Abwechslung zur gewohnten Arbeit.
unterrichtet am BG/BRG Laa Deutsch und Geschichte
Früher war er Nitsch gegenüber kritisch eingestellt, jedoch las er dann dessen Drehbuch (Partituren) und änderte seine Meinung schlagartig. Er sagt, ihm gefalle das Minuziöse und das Dionysische an Nitschs Aktionen.
Der strenge Ablauf der Aktionen fasziniert ihn ebenfalls.
Außerdem meint er, dass Nitsch die ausgeklammerten Elemente der modernen Gesellschaft anspricht (z.B. Tod) und benutzt dazu Grundelemente wie z.B. Wasser, Schlamm, Blut,…
Er empfindet es als äußerst seltsam, dass die Menschheit das Schlachten der Tiere in der Öffentlichkeit als böse bezeichnet, aber das Fleisch der Tiere zu essen als ganz normal betrachtet.
Er vergleicht die Kunst Nitschs mit den Werken von Yves Klein, einem bekannten Actionpainter.
Herr Waltner würde nicht freiwillig an einer Aktion aktiv teilnehmen, jedoch würde er es als Zuschauer genießen.
Er war selbst noch nie im Museumszentrum Mistelbach, da er nie die Zeit fand dorthin zu gehen hat jedoch vor, dies noch nachzuholen.
Am Ende erwähnte er die Entwicklung von Hermann Nitsch vom normalen Maler zum "Orgienmeister".
ist an der Kassa des MZM tätig und ist auch für den Museums-Shop zuständig.
Frau Klughofer arbeitet schon seit der Eröffnung im Museum. Sie ist sehr zufrieden mit ihrer Arbeit und sie arbeitet gerne im Museum, denn sie sagt, dass es schwer ist, in ihrem Alter Arbeit zu finden. Außerdem lernt sie dort jeden Tag etwas Neues und erlebt die verschiedensten Reaktionen der Museumsbesucher mit.
Am Anfang störten Frau Isolde nur die andauernd anhaltende, monotone Musik und der strenge Öl-Farb-Geruch der Bilder, jetzt nimmt sie aber beides nicht mehr wahr.
Sie findet, dass die Musik mit den Bildern harmoniert und sagt, dass sie einen besonderen Reiz ausstrahlen.
Außerdem erwähnte sie, dass die Lange Halle (Hermann Nitsch Halle im Museum) besser mit den vielen Bildern harmoniert, als ein kleiner Raum mit wenigen Bildern. Diese Verbindung von Architektur und Kunst ist das Besondere im Nitsch-Museum in Mistelbach.
Sie sagt auch, sie habe keinerlei Probleme mit den Aktionen und würde es sogar wagen, selbst aktiv daran teilzunehmen.
Als gelernte Krankenschwester arbeitet sie schon seit 1985 nicht mehr in ihrem Beruf, sondern als Fotografin und freischaffende Künstlerin. Sie ist mit Heinz Cibulka, einem langjährigen Freund von Hermann Nitsch verheiratet.
Frau Frey kennt Nitsch persönlich, aber nicht so gut wie ihr Mann, der kennt Nitsch schon seit Ewigkeiten, da er mit ihm gemeinsam in die Schule ging und auch selbst schon an vielen Aktionen teilgenommen hat.
Durch ihren Mann ist sie auch dazu gekommen, das Werk von Hermann Nitsch fotografisch zu dokumentieren.
Sie empfindet das Werken von Hermann Nitsch als äußerst wichtig, denn seine Bilder verbergen viele Symbole, die man erkennen muss, um dann seine Arbeit zu verstehen.
Sie sieht dies als eine wichtige Erfahrung im Leben eines jeden Mensches.
Künstler, Akteur beim OM-Theater und Assistent von Hermann Nitsch
Seine Hauptaufgaben sind beim Malen zu assistieren, Farben zu mischen und Leinwände herzurichten, weiters Ausstellungen vorzubereiten und die Hängungen zu überwachen.
Stasta malt selber auch und er hört dabei gerne und oft Musik.
Er kennt Nitsch persönlich, und kam als Akteur zu ihm.
Ihn begeisterte Theaterwissenschaft, dadurch lernte er Nitsch kennen.
Die ersten Reaktionen seiner Bekannten auf die aktive Teilnahme bei den Aktionen von Nitsch waren unterschiedlich. Manche reagierten komisch doch seine Mutter zum Beispiel sehr gut.
Seine Meinung zum Gesamtkunstwerk von Hermann Nitsch ist positiv. Er findet die Musik großartig, er sagt auch, dass sehr viel dahinter steckt.
Er weiß nicht wie lange er noch Assistent bleiben will, denn er arbeitet auch selbst als Künstler. Dennoch arbeitet er gerne mit Nitsch zusammen. Es macht ihm Spaß, für ihn ist es eine große Bereicherung.
Er ist immer wieder ein aktiver Mitarbeiter bei den Aktionen. Er macht auch selbst Schüttbilder, er fotografiert und malt in letzter Zeit öfters.
Er beschreibt auch die Empfindungen eines Akteurs bei Hermann Nitsch.
Bei seiner ersten Aktion wusste er ein wenig über solche Aktionen. Er kam zu der Aktion indem Nitsch ihn bei einer Ausstellung einlud mitzumachen.
Bei dieser Aktion wurde 10 Tage geprobt. Zuerst dachte er, dass er nicht als Akteur mitmachen würde.
Bei den Proben wird alles trocken geprobt ohne Blut. Die Leute waren respektabel und sein erster Eindruck als Akteur war berauschend.
Ein paar Akteure vom Chor hatten es schwer und manche Akteure hielten sich zurück.
Er sagte, dass durch diese Aktionen seine Sinne sehr geprägt und geschärft wurden, denn wenn man die Augen verbunden hat, empfinden die anderen Sinne stärker.
Weiters begannen sich die Gegensätze von schön und hässlich aufzulösen. Er sieht die Aktion wie das Leben, manchmal ist es schön und manchmal kann es grausam sein. Es ist aber immer noch dasselbe Leben.
Er findet auch, dass Töten und Brutalität dazu gehören. Man kann seine Triebe ausleben und solche Aktionen verändern das Leben.
Dazwischen waren Pausen, er sagt auch, dass die Akteure viel Verantwortung haben, man muss anderen vertrauen.
Nach den Aktionen war er erschöpft, er hatte ein gutes Gefühl und die Aktionen endeten immer in einem großen Fest.
Er hatte nie den Drang verspürt, eine Aktion abbrechen zu wollen..
Seine Deutung der Aktionen ist eine umfassende Darstellung des Lebens mit seinen schönen, tragischen und grausamen Aspekten. Es gibt keinen wirklichen Symbolismus, die Aktion ist nicht das Resultat, sondern der Prozess.
Bei Nitschs Aktionen gibt es einen festgelegten Ablauf, es gibt wenig Spielraum.
Als Herr Stasta gefragt wurde, ob es einen normalen Arbeitstag gibt, antwortete er nur, dass so ein Tag nicht existiert, es gibt keinen normalen Arbeitstag, es gibt immer neue Herausforderungen. Nitsch ist immer sehr vertieft in seine Arbeit, er hat wenig Geduld und ist sehr konzentriert. Aber das Ergebnis rechtfertigt den Stress.
Die Arbeitzeit für ein Schüttbild kann mehrere Stunden betragen. Das Mischen der Farben ist dabei das Aufwendigste. Die Bilder macht Nitsch alleine, Stasta befestigt die Kübel zum Schütten für große Bilder an der Leiter.
Frage: Seit wann sind Sie aktiver Künstler?
Nitsch: Eigentlich schon seit immer. Ich habe schon in der Schule für die anderen die Zeichnungen gemacht, und die hatten dann die guten Noten und ich die schlechten. Aber ich war ja nie ein braver Bub.
Frage: Wie kamen Sie auf die Idee mit Blut zu malen?
Nitsch: Mich fasziniert die Farbe und die Konsistenz. Blut ist Lebenssaft. Ohne Blut können wir nicht leben.
Frage: Haben Sie Kontakte zu anderen Künstlern?
Nitsch: Ja natürlich, zu Lebenden und zu Toten. Zum Beispiel Mozart oder Beethoven. Solche Beziehungen sind für jeden Künstler wichtig.
Frage: Kunst wird oft missverstanden, wie gehen Sie mit negativer Kritik um?
Nitsch: Das kommt immer darauf an, wie ich gerade aufgelegt bin.
Frage: Wie sehen die Vorbereitungen für Ihr Orgien Mysterien Theater aus?
Nitsch: Sehr viel Arbeit. Wenn jemand glaubt, das ist einfach,
dann irrt er sich. Es ist schon mal schwer, so viel Blut zu bekommen, das ich brauche.
Dann muss es noch gesalzen und gekühlt werden. Und vor dem Beginn meiner Orgien
Mysterien Theater muss es natürlich wieder aufgewärmt werden.
Frage: Wir haben im Hermann Nitsch Museum in Mistelbach gesehen, dass Sie auch gerne mit schwarz malen. Hat diese Farbe auch eine besondere Bedeutung für Sie?
Nitsch: Da gab es mal eine Malaktion, bei der alle Bilder schwarz gemalt wurden, und die sind jetzt im Nitsch Museum in Mistelbach ausgestellt.
Frage: Wir haben gehört, dass Sie ein Freund von Falco waren. Was halten Sie von seiner Musik bzw von ihm selber.
Nitsch: Also dazu muss ich sagen von dieser Art der Musik verstehe ich nicht viel da möchte ich mich raushalten. Aber er war ein sehr lieber und netter Mensch und er hat meine Bilder gesammelt. Aber wo die Bilder jetzt sind weiß ich nicht.
HAK Mistelbach: Rieder Michael, Bernhard Schodl, Woinar Peter
BRG Laa:
Felix Ulrich-Pur, Thomas
Urbanetz, Matthias Geber, Peter Flotz, Benjamin Dracic