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"Vielleicht haben die Erlebnisse der Bombenangriffe bei mir Schleusen geöffnet, andere radikale Erlebnisse zu gestalten."

Biografisches

Kindheit

Hermann Nitsch wurde am 29. August 1938 in Wien geboren. Als er eineinhalb Jahre alt war entdeckte man bei ihm eine Hüftluxation, ein Bein war etwas kürzer, daher zog er es beim Gehen immer etwas nach, und so musste er operiert werden. Danach musste er eineinhalb Jahre eine Gipsschale tragen. Seine Mutter war sehr um seine Gesundheit besorgt und behütete ihn sehr. Durch ihre Ängstlichkeit fühlte er sich tyrannisiert.

Nitsch wuchs in Floridsdorf auf und erlebte viele Bombenangriffe auf Wien mit. Er musste sich in dieser Zeit häufig mit seiner Mutter im Luftschutzkeller verstecken. Er meint heute, es wäre für ihn als Kind sicher besser gewesen zu den Verwandten aufs Land zu gehen, denn die ständige Todesangst war sehr fürchterlich. Diese Erlebnisse haben bei ihm Schleusen geöffnet andere radikale Erlebnisse zu gestalten. Sein Vater, der bereits 1939 an die Front musste, fiel 1944.

Johann Nitsch, sein Großvater entdeckte seine Zeichenbegabung schon sehr früh. Es war auch seine Idee, den Enkel in die graphische Lehr- und Versuchsanstalt zu schicken. Als Hermann Nitsch 12 Jahre alt war, starb der Großvater.

Bis zum Tod seines Großvaters war er ein Vorzugsschüler und brillierte förmlich. In der Volkschule war er seinen Erzählungen nach in einen Jungen verliebt, doch seit der Pubertät interessierten ihn nur noch Mädchen. Er sagt, dass er gerne bisexuell wäre.

Religion

In der Familie war die Einstellung zur Religion sehr unterschiedlich. Der Großvater war Atheist, die Prinzendorfer Großmutter hingegen war sehr religiös, aber nicht praktizierend und seine Mutter lebte vor allem einen gewissen „Aberglauben“. Nitsch entwickelte dann auch früh Interesse am Mythos und der Leidensgeschichte von Jesus Christus. Bereits als kleiner Bub war er fasziniert von den kultischen Vorgängen in der Kirche, vor allem die Wandlung hatte es ihm angetan, wo Brot zum Fleisch Christi und Wein in Blut verwandelt wird.

Statt Ministrant zu werden, begann er sich für Sport zu interessieren und er wurde ein begeisterter Radfahrer. Als er 14 Jahre alt war hatte er plötzlich heftiges Herzstechen, weil er zu schnell mit dem Rad durch die Nacht gefahren war, was ihm von nun an öfters passieren sollte. Erst viel später fanden Ärzte eine Erklärung dafür. Sie sagten, dass psychische Ursachen diesen Schmerz verursachen würden. Sie meinten, er habe eine Herzneurose, die er wegen Schuldgefühlen seiner Mutter gegenüber bekommen habe. Sie hatte nämlich immer davor gewarnt zu schnell zu fahren, weil man da Herzkrank werden könne.

Jugend

Nach dem Tod seines Großvaters flog er dann aus dem Gymnasium, mit fünf Fünfern und einem Dreier in Bildnerischer Erziehung. Er wechselte in den B-Zug der Hauptschule. Dies bedeutete für ihn eine „Erniedrigung“. Er zwang sich zum Lernen und konnte dann in den A-Zug aufsteigen. Nach dem Schulabschluss bewarb er sich in der „Graphischen“ und wurde als einer von 20 Kandidaten aus 300 Bewerbern aufgenommen. Oft borgte er sich dort von seinen Lehrern Kunstbücher aus.

In dieser Zeit begann Nitsch auszugehen, meistens war er mit anderen Schülern der Graphischen unterwegs, sie besuchten zusammen Konzerte, Opern und Ausstellungen. Seine Freunde bewunderten ihn und schätzten vor allem sein Kunsturteil. In diese Zeit fällt auch der Beginn der Freundschaft mit Heinz Cibulka, Rudolf Schwarzkogler und Peter Kubelka.
Später gehören auch Arnulf Rainer, der ein großes Vorbild für ihn war, Friedensreich Hundertwasser und Ernst Fuchs zu seinen Künstlerfreunden.

Nitsch malte viel in der Küche und seine Mutter strickte daneben. Es entstand auch Wandbild im Vorzimmer. Heute ist das eines seiner teuersten Bilder. Es wurde von einem Restaurator abgenommen und von einem Kunstsammler erworben.

Hermann Nitsch sagt, dass er nie aufgeklärt wurde. Erst 1963, im Alter von 25 Jahren zog er von zu Hause aus. Bis dahin teilte er mit seiner Mutter das Bett, da die Wohnung nur aus einer Küche und einem kleinen Schlafraum bestanden hat.

Nach seiner religiösen Phase in der Volksschule studierte er später ein Lexikon mit allen nicht-christlichen Religionen. Auch mit Philosophen beschäftigte er sich, weil er schon damals der Meinung war, dass Maler auch Philosophen sind. Seit seinem 15. Lebensjahr befasste er sich mit philosophischen Gedanken. Er hörte auch viel klassische Musik aus dem Radio.

Beruf am Technischen Museum

1958 begann Hermann Nitsch im Technischen Museum zu arbeiten, wo er 5 Jahre blieb und 980 Schilling im Monat verdiente. Er musste jede Woche ein Plakat für Vorträge und Ausstellungen entwerfen. Die Fahrt zur Arbeit und zurück dauerte jeweils 2 Stunden, die er meistens mit dem Lesen klassischer Literatur verbrachte. Unter anderem durch die Beschäftigung mit der Musik von Richard Wagner entstand in ihm die Vision ein 6 Tage und 6 Nächte langes Theaterstück zu entwerfen, der erste Entwurf vom Orgien-Mysterien-Theater entstand.
Die ersten Förderer seiner Kunst waren der Bildhauer Karl Nieschlag und der Apotheker Herr Seiko.

In seinen frühen Schriften beschreibt er vor allem viele sinnlich-intensive Situationen in einer sehr üppigen, mit vielen Adjektiven geschmückten Sprache. Weil er mit Worten nicht alles so genau wie er es wollte ausdrücken konnte, begann er dann Geschehnisse zu inszenieren. So konnte er sinnliche Erfahrungen für die Zuschauer direkt erlebbar machen. Er begann mit Malaktionen und entwickelte das Orgien-Mysterien-Theater. Bei seinen Aktionen stand und steht das sinnliche Empfinden immer im Vordergrund.

 

Biografische Notizen

1938

Geburt in Wien

1948 – 1956  

Nach Schulabschluss graphische Lehre;

 

Beschäftigung mit Literatur, Kunst und Philosophie

1957

Diplom an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt; Assistent am Technischen Museum in Wien

 

Erste Malaktionen

 

Idee des Orgien Mysterien Theaters(OMT) als neue Form eines Gesamtkunstwerkes. Reale Geschehnisse werden inszeniert.

 

Alle Sinne der Spielteilnehmer werden angesprochen.

1960 – 1966  

Aktions- und Ausstellungstätigkeit in Wien

1966 – 2008

Aktionen, Ausstellungen, Vorträge und Konzerte in Europa, USA und Australien

1971

Ankauf von Schloss Prinzendorf

1974

Aufführung der 24-stündigen 50. Aktion in Prinzendorf

1984

Aufführung der 72-stündigen 80. Aktion in Prinzendorf

1985

Hermann Nitsch lernt Rita Leitenbor kennen.

 

Ab 1986 wird sie seine Lebensgefährtin.

1987

20. Malaktion in der Wiener Secession, später die 83. Lehraktion.

1988

Hochzeit mit Rita Leitenbor

1988 – 2003

lehrt er eine Klasse für interdisziplinäre Kunst an der Städel-Schule in Frankfurt am Main

ab 1989

leitet Nitsch wieder eine Klasse für Malerei an der Salzburger Sommerakademie

1988

Aufführung der 8. Symphonie im Museum für Angewandte Kunst in Wien

1992

89. Lehraktion im Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen.

1995

Hermann Nitsch führt Regie bei der Oper" Hérodiade" von Jules Massenet

1995

Nitschs Personalausstellung im Wiener Künstlerhaus wird ausgezeichnet

 

Ernennung zum (Ehren-) Professor durch den Bundesminister für Kunst und Kultur

1996

Aufführung der 96. Aktion, 12 Stunden, San Marino, Neapel

 

38. Malaktion, Schömer - Haus, Klosterneuburg bei Wien

1997

40. Malaktion, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 20er Haus

1998

Der Leiter des Balletts der Wiener Staatsoper, Renato Zanella, choreographiert das Ballett "Mythos" zu Nitschs Streichsextett "Dionysos"

1998

6 Tage Spiel des Orgien Mysterien Theaters in Prinzendorf; erstmalige Gesamtaufführung des OMT

1999

Ausstellung der Relikte, Reliktinstallationen und Videos des OM Theaters

 

Buchpräsentation: Hermann Nitsch, Leben und Werk
(Autorin: Danielle Spera).

2000

Videopräsentation der Langfassung des 6 Tage Spiels

2001

Ausstellung: "Das große Bodenbild" in der Reihe "Meister-Werke

 

107. Aktion Schloss Prinzendorf.

2002

Ausstellung: Fondazione Morra, Neapel;
Kulturhaus Bruck a.d. Mur;

2004

120. Aktion 2 Tages-Spiel des OMT, Schloss Prinzendorf; Vorlesungen als Gastprofessor an der Universität Wien, Institut für Theaterwissenschaften

2005

122. Aktion, Burgtheater Wien

2006 Hermann Nitsch – Orgien Mysterien Theater, große Retrospektive, Nationalgalerie Berlin im Martin Gropius Bau
2007 Eröffung des Hermann Nitsch Museums im MZM Museumszentrum Mistelbach
2008 Im September, geplante Eröffung des Laboratorio/Archivio di Documentazione die Hermann Nitsch, Neapel

 

 

Autoren

Markus Hiller, Matthias Schöfbeck, Andrej Pilic (HAK Mistelbach)
Valentin Schmid, Peter Ettenauer (BG/BRG Laa)