absolut hören
Ingeborg Bachmanns ungewöhnliche Stimme
Der Hörverlag [ www.hoerverlag.de ] hat sich der verdienstvollen Aufgabe
gestellt, dem beständigen Interesse an einer großen Autorin des 20.
Jahrhunderts mittels einer Edition des Werkes von Ingeborg Bachmann,
durchwegs gelesen von der Autorin selbst, nachzukommen.
Der letzte Teil dieser Edition trägt den Titel "Ingeborg Bachmann liest
Malina", Prosa aus den Jahren 1968 - 1971. "Malina", der einzige vollendete
Roman aus dem geplanten Todesartenprojekt, wird auf CD 1 in Ausschnitten
gelesen. Der Bachmann-Biograf Hans Höller zeichnet für das Booklet
verantwortlich, in dem knapp und kompetent die nicht unkomplizierte
Komposition des Romans erläutert wird, die Tonaufnahmen genau dokumentiert
sind und Fotos aus den Jahren der Entstehungszeit des Buches und Zitate aus
Interviews ein lebendiges Bild der Autorin vermitteln.
Bereits im Booklet des ersten Teils der Gesamtausgabe ("Die gestundete
Zeit", 2004) zitiert Hans Höller Ingeborg Bachmanns Ansicht über den "Vorzug
des Lebendigen" gegenüber der professionellen Kunststimme: "Denn die
Eigentümlichkeit dieser Stimme, die so und so beschaffen ist, wird kein
Fortschritt aus der Welt schaffen" (aus "Musik und Dichtung") und begründet
somit die Besonderheit dieser Edition, bei der es nicht um von
SchauspielerInnen gelesene Hörbücher geht, sondern um Archivaufnahmen aus
den Jahren 1948 bis 1973.
Mehr als einmal habe ich von der Stimme der Bachmann gelesen, von ihrem
Charisma bei öffentlichen Auftritten und dementsprechend neugierig war ich
nun, das Original zu hören. Was ich also höre, ist eine deutlich
artikulierte, disziplinierte, vom charakteristischen Kärntner Akzent
befreite Sprache. Die oft langen Sätze werden auf einem gleichmäßig hohen
Ton gehalten, die Stimme senkt sich konsequent erst vor dem Punkt. In den
vor Publikum gelesenen Aufnahmen ist Spannung oder Nervosität spürbar. Der
Vergleich ihrer jungen Stimme aus den Jahren 1948 bis 1953 ("Die gestundete
Zeit") mit der Lesung von "Malina" (entstanden 1971) berührt. Ihre ersten
Gedichte liest Ingeborg Bachmann 29jährig mit warmer, voller, getragener
Stimme, die Tonlage - wie auch in "Malina" - immer leicht hoch gehalten,
fast ein wenig dramatisch. Die Aufnahmen aus den letzten Lebensjahren der
Bachmann lassen einen gebrochenen Ton hören, eine Zerbrechlichkeit, eine
Stimmlage, die jederzeit kippen kann, aber dann doch nicht kippt.
Hörprobe:
Ingeborg Bachmann liest: "Malina"
http://www.hoerverlag.de/suche.php?isbn=978-3-89940-362-6&searchtype=keine&s
earchterm=bachmann
Den vier Ausschnitten aus dem Roman "Malina" stellt Ingeborg Bachmann
jeweils erklärende Worte voran. Zuerst wird die Beziehung des weiblichen Ich
zu seiner männlichen Doppelgängerfigur Malina (die Betonung liegt auf dem
ersten A) erläutert. Als nächstes die Beziehung des Ich zu Ivan, dem
Geliebten. Es folgt ein Interview, das Fragen des öffentlichen Interesses
behandelt und doch zu "einem Gipfel an Indiskretion" wird. Den Abschluss
bilden "Bruchstücke" aus Traumsequenzen, die das weibliche Ich heimsuchen
und die die Krankheit der Gesellschaft und die daraus resultierende
Krankheit des Ich erklären. In den Traumsequenzen werden die Schreckenstaten
der nationalsozialistischen Mörder im "Vater" personifiziert, der seine
Fortsetzung als Täter in der gelinderen Variante des Geschäftsmannes Ivan
findet und die gefährlichere, weil unscheinbarere im Doppelgänger Malina,
dem eigentlichen Mörder des schwächeren weiblichen Ich bis hin zum
Verschwinden des Ich in der Wand. "Die Gesellschaft ist der allergrößte
Mordschauplatz." heißt es im Dialog zwischen der Ich-Erzählerin und Malina.
Um zeitweise aus der beklemmenden Arbeit an den "Todesarten" auszusteigen,
schrieb Ingeborg Bachmann "komische" Geschichten über Frauen, die sie für
sich mit "Wienerinnen" bezeichnete. Sie wurden 1972 unter dem Titel
"Simultan" veröffentlicht. Quasi als Kontrapunkt zu "Malina" findet man
daher auf CD 2 und 3 Gesamtaufnahmen (aus den Jahren 1968, 1969 und 1973)
von drei dieser Erzählungen: "Simultan", "Ihr glücklichen Augen" und "Das
Gebell".
Man muss schon genau hinhören, um die feinen Unterschiede zu bemerken, mit
denen Ingeborg Bachmann von Aufnahme zu Aufnahme einen anderen Grundton
schafft. "Simultan" liest sie im Studio mit einer fast trägen Langsamkeit,
einer Müdigkeit, die nicht unbedingt ihrer eigenen Verfassung entsprechen
muss, sondern der Grundstimmung der Hauptfigur Nadja, einer Dolmetscherin,
die müde vom Leben und von ihrem Beruf eine spontane Reise mit einer
spontanen Bekanntschaft in den Süden Italiens macht. Schon wie Bachmann
diesen Namen "Nadja" (der Name bedeutet: Hoffnung) spricht, weich und
sinnlich, lässt das Gefühl für eine Frau entstehen, die am Ende ihrer Kraft
ist, vielleicht auch am Ende ihrer Hoffnung.
Hörprobe:
Ingeborg Bachmann liest: "Böhmen liegt am Meer"
http://www.hoerverlag.de/suche.php?isbn=978-3-89940-360-2&searchtype=keine&s
earchterm=bachmann
