Nachdenkliches und Kritisches
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Gotthard Fellerer
Das Symposion Lindabrunn und Mathias Hietz

Das Symposion Lindabrunn.
Mathias Hietz
Kunst ist Hilfe
Fettnäpfchentreter
Bildhauersymposion Sankt Margarethen
Land - Art - Objekt HAIN
Vielheit in Einheit
Das Kommunikationszentrum
Die Mauer
Tor der Erkenntnis
Österreich und Japan
Institut für "Kunst im öffentlichen Raum"
Brief an Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll
Kunst am Bau
Kunstpolitiker, Kunstkritiker, Museumsdirektoren
Der Landschaftsteppich
Parkanlage des Krankenhauses Baden
Ortseinfahrt von Enzesfeld
Endnoten

Wir leben in einer Welt der Vorherrschaft des Begriffes, in einer Welt, in der "Richtig" und "Falsch" Regulative der Verhältnisse sind und in Konventionen zu erstarren drohen. Das Falsche, da unrichtig, möchte man vermeiden und das Richtige möchte man tun. Doch die Absolutheit des Lebens führt meist diese Vorstellung ad absurdum. Inhalte und Dinge sind, in unverbrüchlichen Verhältnissen geeint, entsprechend zugeordnet, haben einen entsprechenden Stellenwert. Die darstellende Kunst ist das Liebkind der Schickeria und der „Seitenblicke", und die bildende Kunst dümpelt vor sich hin. Einerseits meint man sie als Dekor und andererseits als Provokation. Die bildende Kunst entwickelte sich vom Abbild zu einer ästhetischen Herausforderung, die das ästhetische Engagement des Betrachters fordert: Sie legt verborgene Strukturen und geistige Unterströme offen. Sie gedieh zu einer Parallelnatur, in der die Gesetzmäßigkeiten von Natur in einer stärkeren Ausschließlichkeit zum Tragen kommen. Grob umschrieben könnte man den Begriff „abstrakt" verwenden. Damit wird das Nicht- und Dochnichtgestaltete, wenn man so will, das eigentlich sinnlich Nichtvorhandene, zu einem wesentlichen Inhalt des Gestalteten. Abstraktheit, der lateinische Wortstamm abstraho bedeutet wegschleppen, -reißen, entfernen, trennen, bezieht sich auf die Entfernung von einer wahrnehmbaren Wirklichkeit, mit Anspruch der Erfahrung einer neuen ästhetischen Realität, vielleicht höheren Realität, die Wirklichkeit geworden ist, sie ist in Lindabrunn eine neu sichtbar gemachte, steinerne Einheit einer möglichen Vielheit. Mikro- und makrokosmische Assoziation: das Kleine ganz groß und das Große ganz klein stellen sich gegen die Humorlosigkeit und Eintöpfigkeit einer teuren, schnell verbrauchbaren grellen Plastikwelt mit austauschbarer Einheitskost.

In solch einem Freiraum können sich die Gedanken des Menschen frei bewegen. Ausschließlichkeiten liegen aber im Menschen selbst.

Die Plätze, auf denen man originäre Kunst finden kann, sind rar geworden. Geniedenken und Ichsucht fördern dies. Platitüden tingeln von Kunsthalle zu Kunsthalle und die Singularisierung des Menschen schreitet wie ein Krebsgeschwür voran, wird entsprechend zentralistisch gefördert und statistisch erfasst: Es scheint, dass das Gemeinsame gefährlich geworden ist und nur das Einzelne leicht überschaubar und lenkbar ist. Solidarität verkam zur Parteibuchplattheit.

Oberhalb von Enzesfeld, einem unscheinbaren Ort, der vor allem durch seinen Golfplatz Bekanntheit erlangt hat, liegt Lindabrunn - da ist es anders: Lindabrunn ist ein Ort mit einer Sportschule, die des öfteren von der österreichischen Fußballnationalmannschaft frequentiert wird, ein Ort mit zahlreichen Heurigen und einem Bäcker, der auch Milch verkauft. Der Greißler musste schon längst zusperren. Auf einem Haus kann man „In vino veritas" lesen. So sind auch die Menschen. Hier, wo manche meinen, dass sich ausschließlich die Füchse Gute Nacht sagen, wo man annehmen kann, dass man sonntags noch brav die Kirche besucht, um danach vielleicht dem Vergnügen des Bauernschnapsens zu frönen, hier, wo der reschsaure, ehrliche Wein in den Fässern gärt, die örtliche Feuerwehr einem verschworenen Männerbund gleicht, die Frauen noch auf die Familie schauen, hier, wo die Welt noch in Ordnung scheint, hier, in der Enklave der Vergangenheit des Üblichen, entstand, durch das Engagement der örtlichen Politik, das Verständnis des Landes Niederösterreich und des Bundes und vor allem durch den rest-, rast- und selbstlosen Einsatz des kunstbegeisterten akademischen Bildhauers Mathias Hietz ein geheimnisvoller Ort mit kultischem Charakter:

Das Symposion Lindabrunn.

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Der Steinbruch Lindabrunn, Ort des Symposions

Das Symposion Lindabrunn wurde 1967 von Mathias Hietz mit Unterstützung des damaligen Bürgermeisters Erich Nebel, seiner Freunde Arch. Dipl. Ing. Heinz Gross und Ing. August Doleschel und seines langjährigen Weggefährten Franz Katzgraber, des Landesverbandes der nö. Kunstvereine und des Steinbruchbesitzers Frietsche-Notthaft ohne Absicht von Kontinuität gegründet.

Der Kessel des staubigen Konglomeratsteinbruches waren erster Treffpunkt. Auf einem heideartigen Vorberg, einer sanft ansteigenden Lehne, auf der die Bauern vor Jahrzehnten Obstbäume gesetzt hatten, einer ehemaligen Ziegenweide, auf der sich seinerzeitige Flakstellungen, Narben einer verdorbenen Zeit, befanden, pflanzte man die neu geschaffenen Skulpturen. Gegessen und gearbeitet wurde in freundschaftlicher Eintracht mit den Steinmetzen im Steinbruch. Der individuellen künstlerischen Genialität und Arbeitschaotik zum Trotz wurden sogar die kollektivvertraglichen Pausen eingehalten. Gemeinsam mit den Steinbrucharbeitern, die das entsprechende Know-how hatten, und den Maschinen, die man den Bildhauern zur Verfügung stellte, entwickelte sich eine sympathische Aktivität, die, über alle politischen Grenzen hinweg, mit den Jahren an Eigendynamik gewann. Langdauernde Freundschaften wurden geknüpft und bildeten die Basis einer freundschaftlichen Gemeinsamkeit, die nur durch die allmähliche Verintellektualisierung des Symposions getrübt wurde. Diese Abhebung, die geistige Dislokation, fand gleichzeitig mit der räumlichen im Jahre 1981 statt, als man die Hütten der Steinmetze im Steinbruch verließ.

Ursprünglich war Lindabrunn ein Begegnungsort Gleichgesinnter. Einige Jahre später entwickelte sich, ausgehend vom Bildhauersymposium St. Margarethen, die Idee, dass man der Werdung eines verbindenden Gedankens zum gemeinsamen Werk mehr Augenmerk zu schenken habe. „Am Anfang war der Steinbruch", ein Ort, an dem man Großplastiken fernab der Schnelllebigkeit des sich stets wandelnden Kunstmarktes produzieren konnte, geriet mit den Jahren das Symposion zum Quellpunkt einer Botschaft, die weit über die Grenzen Österreichs reicht: Die freiwillige Inordination der künstlerischen Idee des Einzelnen, zu Gunsten der Vorrangigkeit eines gemeinsamen Werkes - ohne dass das kollektive Wollen in Fron ausartet. Das Wesen einer kollektiven Tätigkeit besteht aber in der „Inordination", der Einbringung, und nicht in der „Subordination", der Unterordnung, diese würde der Gemeinsamkeit schaden. Das Gemeinsame sollte über das individuelle Kunstwollen triumphieren. Dem „Wir" sollte gegenüber dem „Ich" der Vorzug zu geben sein.

Das „Wir" über das „Ich" zu stellen bedeutet aber in einer Zeit der intensiven Nabelschau, einer Zeit der versponnenen Ichverliebtheit, ein Procedere, das weit über die Idee des Arbeitens an einem gemeinsamen Ort hinausreicht. Es ist eine Ungewöhnlichkeit, die heute nicht mehr selbstverständlich ist: Denn die Sumpfblüten eines missverstandenen romantischen Geniekultes wuchern hemmungslos.

Genussvoll ereifert man sich an politischen und ästhetischen Missgriffen von Fettnäpfchentretern, die sich in hölzernen Sonntagsreden über angebliche „Freiheit" von Kunst auslassen. Der Defaitismus reifte unter der Schirmherrschaft der vereinten Ahnungslosigkeit zum Maß von Kunst. So passt das Konzept der Pradler Ritterspiele der Wiener Aktionisten so manchem Unbedarften eher in die eigene Unsicherheit, respektive ästhetische Erfahrungslosigkeit (die ihn gegen die angebliche Rückständigkeit eines vorgeblich „faschistischen" Denkens wettern lässt), als all jene Umstände, die den Menschen und dessen Respektabilität in den Mittelpunkt stellen. Denn längst ist das „Helfen wir einander, gemeinsam sind wir stark!" zu einer verstaubten Spinnstubenfloskel verkommen. Humanität und Menschenliebe werden hämisch als überholte Rückschrittlichkeiten abgewunken und man vermeint, dass ideelle Programme am besten durch politische Magersucht zu ersetzen seien. Alles kann durch Geld (vor allem mit jenem der anderen) geregelt werden, so meint man. Am liebsten vergräbt man ja die Hände in fremden Taschen, vermutet das Gefundene als Eigenes und die eigene Meinung erfährt man aus den präfabrizierten Fastfood-Gedankenküchen: Es ist einfach angenehm für nichts verantwortlich sein zu müssen. Alles wird delegiert: die Gesundheit, die Ästhetik, die Architektur, die Politik und sogar das eigene Wollen. Die Letztverantwortung des individuellen Glücks vermeint man im Vorgegaukelten und Vorgekauten zu finden, deren Verursacher man letztlich für alles verantwortlich macht, und meint sich als Opfer der Verhältnisse.

Einer, der dies erkannte und stets widerborstig gegen den Stachel löckte, war der Bildhauer Mathias Hietz, zeit seines Lebens ein Junggebliebener und Liebender des „DU".

„Alles regt mich zur Gestaltung an", so Mathias Hietz.
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Er spielte mit Formen, Umraum und mit Landschaft - nicht nur im Rahmen des Symposions Lindabrunn, das er auf eine Anregung Karl Prantls hin 1967 gründete.

Hietz leitete das Symposion bis 1991 und gehört zu jener Gruppe der wichtigen Bildhauer Österreichs, die bereits früh viele Arbeitsaufträge zu erfüllen hatten. Neben seinem künstlerischen Tun war er unkonventioneller Denker und Macher. Er ging gegenüber großsprecherischen Cafehausartisten und verquerten Besserwissern auf Distanz, redete nicht lange, sondern handelte schlicht und tatsächlich. Seine Freude und Kreativität äußerten sich in einer unwahrscheinlichen örtlichen Effektivität und internationalen Präsenz. Ein Umstand, der von zahlreichen Zeitgeistlern nicht so gerne gesehen wurde. In seinem Tun stand stets das allesverbindende Eine und Durchdringende im Mittelpunkt. Er war ein gläubiger Mensch. Er glaubte an die Gutheit des Menschen, dessen Lauterkeit und dessen Verbesserungsmöglichkeit. Eigentlich war er in seinem Denken und Handeln ein Überbleibsel aus einer längst verschollenen Zeit, einer Zeit, in der einander die Menschen noch liebten. Er gab vielen ein Chance.

Die besonderen Eigenschaften von Mathias Hietz : Authentizität, Ehrlichkeit, ein hohes künstlerisches Ethos, die Ablehnung des Gags und das Wissen um ästhetische Verantwortung. Das machte ihn scheinbar widerborstig. Tatsächlich kämpfte er letztlich erfolglos gegen die Mühlsteine der Unvernunft und des Protektionismus. Mutig war er, das muss man ihm lassen. Bereits 1981 spricht H.-W. Eckhardt anlässlich der Eröffnung des 15. Bildhauersymposions in den Niederösterreichischen Kulturberichten von einer „kleinen Politikerbeschimpfung". Von der „Kulturpolitik als Resignation vor dem Leben" war die Rede, vom apokalyptischen Ende der Welt, davon, dass sich Kunst immer mehr von ihrem eigentlichen Sinn entfernt und dass der Künstler immer mehr sich selbst an Stelle des Kunstwerkes auf das Podest erhebt ..." 1)

Mathias Hietz verfasste bemerkenswerte Schriften, formulierte brilliant, verstand es Klartext zu sprechen, kreuzte mit oberflächlichen Plauschern die Klinge und ... feig war er nie. Dass er deshalb immer wieder aneckte, war logisch. Er sagte stets, was er dachte, und Authentizität, die ursprüngliche Einheit von Wort und Werk, waren ihm Anliegen. Keinesfalls war er ein „handsomer" Künstler, ein Vorzeigeathlet oder ein verrücktes Genie. Er hatte schlicht eine Idee: die Idee, dass Kunst sich über Nationalismen hinwegzusetzen habe und dass Kunst das einzige Medium sei, das den Menschen aus der Zwangslage der Fremdbestimmtheit befreie. Das Ideelle des Symposions Lindabrunn gründet auf den Vorstellungen Karl Prantls, den er nie verleugnete: nämlich Kenntlichmachung eines Ortes der Begegnung, jenseits aller konfessioneller und politischen Schranken, unter dem Motto „Kunst ist Hilfe - helfen wir einander!".

Der Idee der Gemeinschaftsarbeit kommt insgesamt in der internationalen Symposionsbewegung, die ja in Sankt Margarethen ihren Anfang nahm, eine besondere Bedeutung zu: Gemeinsam geht man einen Weg, der letztlich auch das Ziel des eigentlichen Tuns ist. Hietz meinte, dass die "humane Entwicklung zum Kollektiv der Menschheit das göttliche Ziel sein muss."2) Denn „die höchste Form des Menschen ist die Liebe!" (Leitmotiv des Lindabrunner Monotheons) und dazu braucht man mindestens zwei.

1972 gestaltete Mathias Hietz in Lindabrunn ein magisches Land-Art-Objekt, das ich „HAIN" nennen möchte. Ein Objekt, das durch seine Inszenierung Weisheit, Güte, Stärke, Wahrheit und Schönheit vermitteln soll:

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In einer kreisförmigen Senke, deren Eintritt von zwei Wächtersteinen markiert ist, gruppieren sich um eine Steinschale drei Stelen, deren Basis durch Erdrippen mit dem Grat der Mulde verbunden sind:

Alles strebt zur Mitte, in der sich der heilige Gral der Erkenntnis befindet. Eine Erkenntnis, dass die Einung der Vielheit Erfassung bedeutet.

Die Idee der Vielheit in Einheit fand ihre Fortsetzung durch die Schaffung eines Land-Art-Objektes, eines Begegnungsbereiches, den man im Zeitraum 1973 - 1976 auf der ehemaligen Lindabrunner Hutweide, in einem stillgelegten unrentablen Ministeinbruch, in dem man die Steine noch mit der Hand gebrochen hatte, schuf. Das erste Werkzeug war der Caterpillar, so Mathias Hietz.

Dieser Ort der Begegnung, das sogenannte „Kommunikationszentrum", wurde das Herz einer einmaligen Freiluftgalerie von europäischem Format. Zumal hier die Idee der Achtung und des Zulassens der ästhetischen Meinung des anderen und das Bemühen um den freundschaftlichen Umgang miteinander, sagen wir Toleranz, tief ankert. Der geheimnisvolle Charakter dieses Platzes wird im besonderen Maße durch das Vorhandensein sämtlicher Jung´schen Archetypen markiert. So wird der Bereich des „Kommunikationszentrums" durch eine enge Pforte, ein Steinobjekt von Hiroshi Ohnari, betreten. Man wird quasi in den Ort des Geschehens, einen Ort der Gemeinsamkeit, hineingeboren. Ein Platz öffnet sich. Ein runder Tisch, der an König Arthurs Tafelrunde erinnert, oder ist es ein Altar (?), Mag. Maria Hietz meint, er sei von Heiner Richner geschaffen, ladet zum Verweilen. Im rechten Winkel kreuzt ein Weg, der in einer Himmelsstiege von Shigeru Shindo endet. Im Weiterschreiten beunruhigt eine gestaltete Wand von Wolfgang Haidinger, und ein steinerner Uterus, die Urhöhle, bietet Schutz vor Unvorhergesehenem. Sie ist ein Werk des Grabenweger Bildhauers Hans Reischer, das mit Sitznischen ausgestattet ist, die sich um eine Mitte gruppieren.

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Im eigentlichen Zentrum, einem Minikolosseum, treppen sich Sitzgelegenheiten, unterbrochen von einer Terrasse mit einladenden Steinhockern samt Tisch und Grillbereich. Hier fanden immer wieder Lesungen, Theateraufführungen, Performances etc. statt.

Diese Realisation fand internationales Interesse. 1976 wurde auf der 37. Biennale in Venedig, bezeichnenderweise im belgischen Pavillon (präsentiert von Dominique Stroobant), das Symposion Lindabrunn als eine Umweltgestaltung angesehen, die zu dem Besten zählt, das in den letzten Jahren geschaffen wurde 3). Im selben Jahr fand auch anlässlich der Wiener Festwochen im Künstlerhaus die Ausstellung „10 Jahre Lindabrunn" statt: „ ... Der Hauptsaal ist Lindabrunn gewidmet: ein sehr abstrakter Zwergerlgarten, lebendig durch große, gute Arbeitsfotos an den Wänden ..." 4)

Die enge geistige Verbindung mit dem 1959 entstandenen Margarethner Bildhauersymposion „Symposion Europäischer Bildhauer", wurde in besonderer Weise 1979 durch die Lindabrunner Gemeinschaftsarbeit „Mauer" dokumentiert:

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Die Ausrichtung eines Schenkels der im Grundriss rechtwinkelig konzipierten Mauer entspricht der Fortsetzung des St. Margarethner Gemeinschaftsprojektes „die Linie", eines Denkkanales, der von fünf japanischen Bildhauern 1970 unter der Führung von Makoto Fujiwara in die südliche Steinwand von St. Margarethen geschnitten wurde. „Die Linie kerbt sich in die Steinwand ein, wächst über den Hügel weiter, verschwindet, tritt wieder zum Vorschein, verschwindet, will weitergeführt werden ..." 5) ... und tritt in Lindabrunn wieder zu Tage.

„Des Unterbrechens Sinn ist das Weiterführen" sagen die Japaner. Zu Beginn der 70er Jahre fand das burgenländische Bildhauersymposion sein Ende ... doch die Idee wurde von Mathias Hietz übernommen und in Lindabrunn kongenial weitergeführt.

Die Krönung des gemeinschaftlichen Werkens war für Mathias Hietz das Monotheon, „Das Tor der Erkenntnis", ein Projekt, an dem im Jahre 1988 zehn Künstler aus verschiedenen Ländern zusammenarbeiteten. Auf dem Hügel Lindabrunner Aushubmaterials entstand ein Ort der religiösen Ergriffenheit. Eine Achse zwischen Himmel und Erde.

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So schrieb Mathias Hietz im Katalog des Symposions 1988: „ ... Meine persönliche Aufgabe ... war nicht die einer Führerrolle, sondern lediglich die eines Koordinators zur Realisierung dieser in der Gemeinschaft gewachsenen und erarbeiteten Idee. Auch diese hier von mir niedergeschriebenen Gedanken resultieren aus Gesprächen und dem Denken aller Teilnehmer - natürlich durch meine subjektive Brille gesehen.

Kurz zur Gemeinschaftsarbeit: Sich einer solchen Gemeinschaft, einer solchen gemeinsamen Arbeit anzuschließen, sich zu integrieren, heißt sich zu öffnen, alle Vorurteile abzubauen, offen zu werden für das Denken und für alle Kriterien der anderen, kein Patentrecht auf seine Idee, sondern mit Ideen und Können sich voll in das Ganze einzubringen, sich zu integrieren, Integration, das heißt hier Kooperation, ein Miteinander, keine Konkurrenz, kein Gegeneinander. So entstanden Wechselbeziehungen zum Ganzen. So entsteht aus zehn Individuen eine neue, eine größere Einheit, die „Gemeinschaft". Das ist nicht Aufgabe seiner Persönlichkeit, seiner Individualität, sondern eben, sich als Individuum in die größere Einheit einbringen. Integration war und ist die Urkraft aller Entwicklung, nicht Selektion ... Nun, da die Glieder dieser Gemeinschaft nicht nur aus verschiedenen Ländern mit verschiedenen politischen Systemen kamen, sondern auch verschiedene Religionsbekenntnisse hatten, war eine eventuelle Bindung an eine bestimmte Konfession für uns praktisch ausgeschlossen. Ein Pantheondenken im antiken Sinn, einen Tempel für alle Götter zu errichten, ist in unserer aufgeklärten Zeit auch nicht mehr denkbar. Alle großen Religionen hatten eine Ein-Gott-Lehre.

Die Differenzen liegen nur darin, dass jede Religion die göttliche Wahrheit für sich reklamiert. Wir haben bei
unserer Arbeit, die ich im weitesten Sinne als ökumenische Arbeit bezeichnen möchte, diese Frage nie gestellt. So haben auch keine Dogmen, weder religiöser Art, noch politisch-ideologischer, diese unsere ökumenische Arbeit gestört.
Ein Monotheon, aber ohne konfessionelle Bindung ..."
6)

Dies und all das Weitere, das entstehen konnte, ist zu einem großen Teil all den internationalen Bildhauerfreunden von Mathias Hietz zu verdanken, die ihr Können, ihre Tradition, gepaart mit neuen Ideen, in die Gemeinschaftsarbeiten investierten, und Lindabrunn wäre nicht jenes Lindabrunn, das wir kennen, ohne das starke Engagement zahlreicher japanischer Bildhauer. Mathias Hietz verband mit den Japanern eine tiefempfundene Freundschaft. Allen voran Hidekazu Yokozawa, ein Freund der ersten Stunde, ebenso wie Jun Ohara, Takera Narita, Shigeru Shindo usw.

Diese Freundschaften hatten Tradition: Schon immer waren Österreich und Japan in ein geheimnisvolles Flechtwerk der Freundschaft eingewoben. Wir sind einander scheinbar ähnlicher, als es den Anschein hat. In beiden Nationen hat die Kultur, aber auch die Tradition einen hohen Stellenwert. So entspringt dem oft schwarzen österreichischen Humor ein Funken eines zenistischen Denkens.
Beide Nationen lieben Mozart, Schubert, die Wiener
Philharmoniker, den Apfelstrudel, Sushi und die Sängerknaben. In Japan feierte die Gruppe der Wiener phantastischen Realisten ihre ersten großen Erfolge, verbrachte die österreichische Künstlerin Lore Heuermann ein vielbeachtetes halbes Jahr, wurden längst die österreichischen Kunsterzieher Franz Cizek und Richard Rothe mittels Vorlesungen geehrt und es fahren u.a. immer wieder österreichische Bildhauer nach Japan, um dort zu arbeiten, wie z.B. das langjährige Symposionsmitglied Franz Katzgraber, ebenfalls ein Mann der „ersten Stunde".

Japanische Disziplin und Denkkunst, gemixt mit österreichischer Improvisationskunst und garniert mit österreichischer Lässigkeit, geraten zu einer gelungenen Symbiose.

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Der japanische Garten, die Einbeziehung des Umfeldes und dessen Inszenierung bekamen in Lindabrunn auf Grund der „Vielheit in Einheit" ein neue Dimension: Asymmetrie, Schlichtheit und Natürlichkeit, die Ablehnung einer dogmatischen Endgültigkeit machten Lindabrunn zu dem, was es wurde. Der offene Weg der „wolkenlosen Klarheit", der auf der höheren Logik der überraschenden Wende baut, wurde hier Wirklichkeit. Im Symposion Lindabrunn kreuzen einander Kulturen und bauen auf der Sympathie des einander Erkennens. Hier wird der Mensch durch die Begegnung mit dem gestalteten Stein angehalten, um sich selbst als Baustein des Universums wiederzufinden: In ihm pulst das Wasser der Welt, ihn hält die Schwere der Erde, die durch den Atem der Luft durchweht ist, er ist der Träger des Feuers des Lebens.

All dies ist auch im Stein manifest. Eine eigentümliche Korrelation zwischen dem Gestalteten und dem Nachgestalter findet statt und die Abstraktheit der gestalteten Steine ist hiebei eine Notwendigkeit, die diese Zwiesprache ermöglicht.

Mathias Hietz meinte, dass die schönste Anerkennung und Rechtfertigung der mühevollen Arbeit der häufige und vielseitige Gebrauch dieser Anlage sei. Er integrierte durch sein Tun Kunst, die normalerweise in Kunstgettos und musealen Aufbahrungshallen zur Schau gestellt wird, wieder ins tägliche Leben, denn Kunst war ihm die mit einer Idee angereicherte "Natur". Hietz meinte, dass Kunst im öffentlichen Raum Sozialgut sei, dessen Besitzfrage sich aufhebe, denn jeder könne an der Kunst teilhaben. Jeder Mensch sollte die Chance haben, dem anderen in einer schrankenlosen Welt begegnen zu können: fernab der politischen, wirtschaftlichen, religiösen, nationalen und ethnischen Grenzen.

Eine Verordnung der Bezirkshauptmannschaft Baden vom 26.06.1991 bestätigt dies. "Das Gelände des Symposions in Lindabrunn wird in immer stärkerem Ausmaß" von Menschen der Umgebung, aber auch "von Fremden (hauptsächlich von solchen mit türkischer Nationalität) zur Abhaltung von Festlichkeiten frequentiert und verwendet." 7)

Das gesamte Gelände wurde nach einer kaum rational komponierbaren inneren Logik der Teilnehmer der Symposien gestaltet - es ermöglicht die Aufspürung einer seltsamen Korrespondenz zwischen dem Gewachsenen und Gewordenen. Schlechthin ist das Symposion Lindabrunn die manifeste Idee einer offenen Begegnung im weitesten Sinn. Einer Begegnung von Landschaft, Natur und der zeitgenössischen Kunst. Die Besonderheit des Symposionsgeländes wird durch den Umstand umrissen, dass im Auftrag des NÖ. Landschaftsfonds die Flora und Fauna des Geländes aufgenommen wurde und sich herausstellte, dass neben der Kunst auch die Vegetation und der Tierreichtum des Geländes einmalig seien. Der Bereich des Symposions Lindabrunn ist also eine wunderbare "Symbiose der Einmaligkeit" in mehrfacher Hinsicht.

Einzig die Schwarzföhren stören manchesmal monoton und hemmungslos.

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Mathias Hietz war, abgesehen von zwei Jahren, kontinuierlich bis 1991, seinem Ausscheiden aus dem Symposion, den teilnehmenden Bildhauern Förderer, Organisator, Katalysator, Schlichter und Freund. Denn nicht immer waren die einzelnen Symposien gekennzeichnet vom moderaten Kammerton. Es wurde auch kräftig gestritten. Doch so mancher Konflikt wurde beim herben Lindabrunner Tropfen geglättet und nach bester österreichischer Tradition wurde nach so manchem Viertel sogar der feurigste Hitzkopf kühl.

Mathias Hietz strebte aber nie nach Bekanntheit oder nach der Akzeptanz jener, die sich gerne am goldenen Nasenring durch die Niederungen der Geistigkeit schleppen lassen. Jeglicher Geniekult war ihm fremd. Trotz seines unbestrittenen internationalen Rufes in Fachkreisen und der Strahlkraft des Symposions von Lindabrunn war er nie der Paradebildhauer Österreichs - nicht einmal der Niederösterreichs. Diese Rolle überließ er anderen. Im Nachhinein ist es beklemmend, wie er um österreichische Anerkennung ringen musste, wenn er in einem offenen Brief im Jänner 1994 schreibt: "... Zu meiner Person möchte ich sagen: dass ich ein guter Bildhauer bin, kann ich jederzeit beweisen, ob meine Kreationen mit Kunst zu tun haben, dürfen jene
sagen, die glauben zu wissen und überzeugt sind, dass sie das nötige Wissen haben. Ich bin und war immer ein Gegner des Personen- und Starkults und habe aus dieser Einstellung heraus nie um Publizität gebuhlt.

Dass ich so auch im Falle des Symposions gehandelt habe, war rückblickend sicher nicht richtig und hat dem Symposion an Bekanntheitsgrad geschadet, nicht aber seiner Qualität ..." 8)

Er empfand es als nicht notwendig, sich ein Denkmal zu schaffen (er hatte sich mit dem Symposion längst eines geschaffen - Mathias Hietz würde dies verneinen!), ein Umstand, den man ihm unterstellte, als er sich im Aktionsverband mit der Hochschule für angewandte Kunst, der die Schaffung eines Institutes für "Kunst im öffentlichen Raum" ein Anliegen war, an die zuständigen Stellen wandte. Die Hochschule für angewandte Kunst mit ihrem damaligen Rektor, dem international anerkannten Architekten o. Prof. Mag. Arch. Wilhelm Holzbauer, erachtete dieses Vorhaben als eine wichtige Notwendigkeit für die Zukunft und als Leiter dieses Institutes war o. HS. Prof Adolf Frohner vorgesehen 9) .

In einem Brief an Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll schreibt hiezu zwei Jahre vor seinem Tod Mathias Hietz:
„ ... Zum geplanten, versprochenen und dann doch geplatzten Institut in Lindabrunn möchte ich nur noch sagen: ich nehme es zur Kenntnis. Ich wollte mir kein Denkmal setzen, wie ich zu hören bekam. Ich glaubte an die Notwendigkeit eines derartigen Institutes, das auch immer bei diesbezüglichen Konferenzen und Symposien gefordert wird. So wurde auch meine Ankündigung bei der Weltkonferenz in Dublin, dass wir in Lindabrunn ein derartiges Institut gründen und bauen würden, begeistert aufgenommen. Wahrscheinlich muss erst der derzeit herrschende Museumsboom überwunden werden, bevor die Kunst im öffentlichen Raum in neuer Form in einer neuen, anderen Verbindung mit der Architektur als humane, ästhetische Gestaltung unseres architektonischen Lebensraumes verstanden wird."
10)

Die bedauerliche Nichtrealisierung dieses Institutes und anderer Vorhaben scheiterte aber nicht an Perspektivlosigkeit der zuständigen Kulturbeamten, die risikofrei ohne Berücksichtigung der Istsituation Ideen verwirklichen können, sondern wahrscheinlich an der Kostenintensität der zeitgeistigen Einwe(ck)gkost. Betroffen machte Mathias Hietz auch die Ablehnung der Einbeziehung der „Lindabrunner Künstler" im Zusammenhang mit der Planung der neuen Landeshauptstadt in St. Pölten. Obwohl er vielfach in Lindabrunn, im ehemaligen Jugoslawien, in Kanada, in Mexico und vor allem in Japan bewies, dass er und seinesgleichen sehr wohl imstande seien, ungewöhnliche und ästhetische Ideen in die Architektur mit einzubringen, einigte man sich lieber auf eine Idee einer Beamtenzentrale á la Tommaso Campanella 11), die im Wesentlichen auf die gewachsene niederösterreichische Kunstszene verzichtete.

Trotz der internationalen Anerkennung der Lindabrunner Bemühungen scheiterte und scheitert die „Kunst am Bau" am Veto zuständiger Architekten und Beamten, die sich ja oft selbst als eine Art Künstler meinen und für all das verantwortlich sind, das so ausschaut, wie es ausschaut. Viele Mahner, Sensible und Wissende haben in der Zwischenzeit resigniert. Auch Karl Prantl hat seine Funktionen in St. Margarethen ins Korn geworfen. Aus verständlichen Gründen: Bereits 1972 begannen die Bildhauer von St. Margarethen Vorschläge für die Gestaltung - „Pflasterung des Wiener Stephansplatzes" - zu erarbeiten, der eine Fußgängerzone werden sollte. „Grabsteine von aufgelassenen Friedhöfen, alte Pflastersteine der Stadt Wien wurden als Material gewählt, angefahren auf das Feld vor dem St. Margarethener Bildhauerhaus, das 1967 errichtet worden war. Überwuchert von Gras findet man hier heute noch Reste der Pflasterungsvorschläge - das Objekt scheiterte schließlich trotz aller Anstrengungen an den Behörden ..." 12)

Mathias Hietz verstand sich stets als Sucher und Pionier. Das Arbeiten am Stein war ihm und ist seinesgleichen nach wie vor ein Mittel des Hinfindens zu dem Kern der Dinge, zur Wesenhaftigkeit des allumschließend Schöpferischen, das ausschließlich über äußerste Abstraktion zu erreichen ist. Die Arbeit am Stein bedeutete ihm u.a. „Exerzitium"; eine Übung, die Natur, Körper, Geist und Seele eint - in Zwiesprache mit dem Stein befreite er die Form aus dem Ungeformten.

Der Stein war ihm das Objekt der einen Kraft, aus der jene geheimnisvollen Impulse strömen, denen man sich nicht entziehen kann. Sein gesamtes Schaffen war ihm aber immer eine erwartungsreiche Vorbereitung auf etwas Kommendes, das in Österreich oft ausbleibt.

Er passte einfach nie ins Konzept. Stets verwies er auf die tragende und verändernde Rolle von Kunst. Er glaubte, an deren touristisch-ökonomische, ästhetisierende, solidarisierende und moralische Nutzwirkung. Er meinte, dass Kulturpolitiker, Kunstkritiker, Kunstbeamte, Museumsdirektoren etc. letztlich die Diener der Kunst seien.

Es ist durchaus im Sinne Mathias Hietz´, wenn man auch in dieser Publikation die verantwortlichen Kulturpolitiker darauf hinweist, dass nicht sie, sondern die Künstler Kunst machen. Erst der Künstler und dessen Tun verschaffen den Kunstpolitikern, Kunstkritikern, Museumsdirektoren etc. ihre Daseinsberechtigung. Allein durch den Umstand der Selektion der Mittel bzw. der Zuweisung machen sie Kunst. Besser wäre es, wenn sie entsprechend dem Tun von Mathias Hietz all die vielfältigsten Vermittlungsbestrebungen von Kunst, d.h. die Transportmittel von Kunst fördern und verbessern würden. Dann würde sich Kunst aus der Vormundschaft der Politik befreien und vielleicht erwachsen werden. Denn die hahnebücherne Überlegung, das Ist auf ein ewiges „Seiendes" einzufrieren, ist die Methode einer absoluten Musealisierung von Welt. Die eingeweckte Kunst lungert aus allen Möbelgeschäften, Konfiserien, Teppichhandlungen und Museen. Mittels des Eingemachten werden Schals, Tücher, Unterhosen, Untersätze, Tatoos, Kaffeehäferl, Vorhänge etc. behübscht. Die Museumskunst wurde zum „Gartenzwerg" des gehobenen Geschmackes. Wir sind, gemessen an der Geschichte der Menschheit, die unbestrittenen Weltmeister des Konservierens. Die Mottenkugeln liefern der Unverstand und die Unsicherheit vor dem Selbstverständnis der eigenen Zeit. Da verlässt man sich schon lieber auf Gesichertes und hoch Versichertes. Dieses Füllen der Museen verglich Hietz mit der "Überproduktion der freien Wirtschaft, nur mit dem Unterschied, dass es sich auf der einen Seite um tatsächliche sinnlose Überproduktion handelt, während es sich auf der anderen Seite um reines Füllmaterial handelt. Das l`art pour l`art, das anderwärts nicht verwendbar, ist Kunst, geschaffen fürs Museum! ..." 13)

Die Verabsolutierung dessen und die unaufhaltsame Schaffung von Kunsthallen, in denen kurzatmige Kunst schön hallt, führte zu einem Klima, das nun einer spezifischen kulturellen Eigenentwicklung distanziert gegenübersteht.

Trotz seiner Aufschreie stellte sich Mathias Hietz in den Hintergrund. Durch seine Selbstbeschränkung und seine Bescheidenheit wurde er oft unterschätzt und übersehen. Stets hatte er das Empfinden zu wenig Zeit zu haben. Er werkte, improvisierte und organisierte unablässig. Alles regte ihn zum Gestalten an. War es ein hölzernes Fundobjekt oder ein Spinnennetz, verstreute Kiesel, Pflanzen, alles war ihm ästhetischer Ausgangspunkt. Diese Haltung spiegelt eine Flexibilität und Vielfalt wider. Er fand den Spielraum einer absoluten Gestaltbarkeit, einen Gegensatz zu einer vermeintlichen Komplexität der Technokraten, die da meinen, Welt im Griff zu haben, und glauben, die geistige Welt im Rahmen einer gezielten Harmonisierung einebnen zu können.

Von Zeit zu Zeit wetzte sich Mathias Hietz an den Reibebäumen der Konventionen. Er verstand sich als Werkzeug des „Wir" und ordnete oft seinen eigenen Vorteil dem Vorteil des anderen unter.

Für Österreich war er mehr eine regionale Erscheinung, über die vor allem in den Badner Regionalzeitungen berichtet wurde. Dass die Strahlkraft von Lindabrunn weit über den Horizont von Besserwissern hinausreicht, wissen bis jetzt nur einige Fachleute und die Betroffenen. Lindabrunn ist ein Tummelplatz von steingewordenen Ideen, ein Bocksberg des bildhauerischen Willens, das Gegenteil von Plastik-Disneyworld und Behübschungs- und Verdeckungsromantik. Während man auf anderen Plätzen Menschen durch angebliche Heilsbotschaften elegant den letzten Groschen aus der Tasche zieht, man heile Welt in irgendwelchen Kaftans vortäuscht, ist Lindabrunn ein Ort des Bei-sich-Seins. Auf Grund der Fülle der abstrakten Bildwerke, die alle Träger von Ideen und Botschaften sind, ist es möglich, seine Gedanken auf weite Reisen zu schicken, ohne dass Zollformalitäten oder schwankende Devisenkurse, von sonstigen Immoradibilien abgesehen, den Weg zum Ziel irritieren.

In Lindabrunn ist der Weg zum Ziel geworden.

Besonders schön und einprägsam dokumentiert und verfestigt wurde dies 1977 durch das Gemeinschaftsprojekt „Landschaftsteppich".

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Dessen Intention beschreibt Akiji Nakamura, einer der Mitgestalter: „Auf der Suche nach der Natur durchwandert man die Landschaft auf vielen Wegen. Wenn man auf einem Weg ohne bestimmte Richtung oder besonderen Anreiz geht, lässt man sich ohne Widerstand treiben. Diese Wege resultieren aus einem unbewussten Treffen vieler Menschen mit der Natur. Wie in allen Landschaften formte der Mensch auch im Raum des Lindabrunner Symposions mit der Zeit Wege. Die Form eines Weges offenbart die Harmonie zwischen der natürlichen und der vom Menschen gestalteten Welt ..." 14)

„... diesem Weg einen eigenen Wert zu geben, würde den natürlichen Charakter Lindabrunns betonen. ... Mit diesen Vorstellungen entstand das Konzept, das Land, das einen natürlichen Weg umgibt, mit Steinplatten zu beleben. Ein Kontrast muss entstehen zwischen der anorganischen ebenen, und der organischen gewellten Oberfläche. Diese Schnittstelle zwischen organisch und anorganisch, in Kombination mit der Vorstellung eines natürlichen Weges, hebt die ersehnte Betonung des Lindabrunner Landschaftscharakters hervor. Ich glaube fest, dass ich mit der Veränderung der Umgebung eines solchen Raumes im Laufe der Zeit meine wirkliche Beziehung zur Natur finden kann." 15)

Die Problematik von Lindabrunn besteht in dem Umstand, dass das Symposionsgelände bereits „voll möbliert ist", dass erst durch die Gewinnung von Neuland neue Möglichkeiten erwachsen. Zahlreiche Planungssymposien ventilierten eine Fülle von Neuadaptierungsmöglichkeiten. Auf Grund dessen und mit der Überlegung, dass ja Symposien Übungsstätten für Größeres sein sollten, suchte man sich auch neue Betätigungsbereiche: Das erste große Projekt außerhalb des Symposiongeländes war eine Platzgestaltung in Wien Liesing im Jahre 1980. Eine Platzgestaltung, die deshalb den Bildhauern ermöglicht wurde, so behaupten einige Wissende, da sie billiger seien als konventionelle Steinmetze (O-Ton Franz Katzgraber).16) Demistso!

1981 wurde durch das Erkennen der besonderen Qualität der Bestrebungen von Lindabrunn durch die örtliche Politik das Gemeinschaftsprojekt „Spielplatz von Enzesfeld" und später von Lindabrunn, geschaffen. An beiden Orten wurden Ideenreichtum, Landschaftsgestaltung, Kindgerechtigkeit und Geheimnisvolles gemischt.

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So gibt es in Enzesfeld neben einem labyrinthischen Gang, der sich in einem Rutsch- und Rodelbergerl befindet, ein Steinhaus, in dem man sich verkriechen kann, Wasser zum Plantschen, Steinobjekte zum Gehen, Sitzen, Hüpfen und Klettern. Die museale Aufsicht und der konservatorische Übereifer werden durch die Benutzung der Kunstwerke von Kindern ad absurdum geführt. Hier wird Kunst dynamisiert und im wahrsten Sinn des Wortes hautnah erlebt.

Im Gegensatz zum Angebot dieser dynamischen Nutzung steht jener Aspekt der passiven Akzeptanz, des ruhigen Sicheinbringens in das Werk: die Gestaltung der Parkanlage des Krankenhauses Baden. Mathias Hietz hat hier mit seinen Freunden einen Ort der heiteren Gelassenheit geschaffen, der seinesgleichen sucht.

Die Gestaltung der Ortseinfahrt von Enzesfeld ist eher ein Nebeneinander zweier Metallscheiben, eines Säulenbrunnens diesseits und eines Steinobjektes jenseits der Hauptstraße: eigentlich ein Neugierigmachen nach mehr.

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Ein Gemeinschaftsprojekt, das im wahrsten Sinn die Grenzen sprengte, war das 1992 in Rusovce veranstaltete „Internationale Dreiländersymposion", an dem 12 Künstler aus den verschiedensten Ländern teilnahmen, dessen Sinn es war „den Ort nationaler Trennung zu einem Ort der übernationalen Begegnung zu machen, die im Weiteren zur Vereinigung der Menschen, zu einer Menschheit führen soll."17) Dies war der Traum von Mathias Hietz, den er immer wieder zu verwirklichen trachtete und mit dem Symposion Lindabrunn temporär umsetzte. Er war ein Liebender am Menschen.

Kunst und Mensch waren für Mathias Hietz untrennbar. Das Museum war ihm Aufbewahrungsort, Lagerhalle, und stets wollte er die Kunst der Zeit genutzt sehen. Er glaubte an die Veränderbarkeit der Gesellschaft zum Guten und verstand sein Tun als Wegbereitung. Es war ihm Lebensmittel, Lebensmittler und Lebensmitte.

Er war der Meister der Größe in Bescheidenheit.

Endnoten:

1) Nö. Kulturberichte, Monatsschrift für Kultur und Wissenschaft, Juli/August 1981, Hsg.: Land Niederösterreich, S.5

2) Mathias Hietz in: Hartmann/Pokorny, Das Bildhauersymposion, Hatje Verlag, Stuttgart, 1988, S.47

3) Katalog Belgien, 37. Biennale di Venezia, Dominique Stroobant, DIETRO I SASSI, BEHIND THOSE STONES, Hsg.: F3 Flämisches Kulturministerium, 1976

4) Erwin Melchart, Neue Kronenzeitung, 14.Juni 1976, S.17

5) Maria Bijan-Bilger, Wiener Kunsthefte, 1/72, S.5, Hsg.: Gesellschaft der Kunstfreunde, Wien

6) Mathias Hietz in: Katalog Symposion Lindabrunn 1988, Hsg.: Verlag G. Grasl, Bad Vöslau, 1988, S.12

7) Verordnung der Bezirkshauptmannschaft Baden vom 26. 06. 1991, S.1. Anm.: Zugleich wurde aus verständlichen Gründen ein generelles Verbot des Feueranzündens im Bereich des Geländes, ausgenommen in der vorgesehenen Feuerstelle (Grillanlage), dies allerdings nur mit schriftlicher Genehmigung des Eigentümers, verfügt.

8) Offener Brief zum Symposion Lindabrunn vom Jänner 1994

9) Brief des Rektors der Hochschule für angewandte Kunst vom 19.05.1988 an Frau Landesrat Liese Prokop

10) Brief an den Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll

11) Tommaso Campanella (1568 - 1639) nimmt in seinem berühmten Traktat „Der Sonnenstaat" die Herausbildung eines fürstlichen Absolutismus eines Machiavelli und des staatlichen Zentralismus vorweg.

12) Jürgen Morschel, Kunst unter neuen Voraussetzungen. Anmerkungen zur Geschichte der Bildhauersymposien in: Bildhauersymposion Sinsheim, Hsg.: Stadt Sinsheim, 1986, S.13

13) Mathias Hietz in: Hartmann/Pokorny, Das Bildhauersymposion, a.a.O., S.49

14) Nakamura Akiji, Japan, Symposion Lindabrunn 1977, fotokopierter Katalog

15) Takahashi Masaharu, Japan, Symposion Lindabrunn 1977, fotokopierter Katalog

16) Gespräch mit dem Autor am 09.07. 1998, Tonbandprotokoll

17) Mathias Hietz in: Katalog 1. Internationales Dreiländersymposion in Rusovce, 1992, S.15. Hsg.: Internationales Dreiländer-Bildhauer-Symposium, Bratislava

              18) Alois Vogel, Von Thanatos Gärten, Gedichte, Grasl Verlag, 1997, S.23, mit Genehmigung des Urhebers

Der Autor:

Gotthard Fellerer, geb. 1944, ist bildender, ausbildender Künstler und Publizist, u.a. Lehrbeauftragter an der Akademie der bildenden Künste, Wien. 1994/95 Forschungsauftrag im Rahmen des Forschungsprojektes der Österreichischen Nationalbank: „Ästhetisierung und Inszenierung der Gewalt im Nationalsozialismus - die österreichische Seite." Er ist Mitglied des internationalen PEN, Obmann des Kunstvereines S.O. und war von 1977 - 1993 Mitglied des Nö. Kultursenates, 1976 - 1993 ausführender und planender Mitarbeiter des Nö. Kulturforums, und war Vorstandsmitglied des ersten Nö. Donaufestivals. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen über Kunst und Künstler und der Herausgeber einiger Kulturstreitschriften. Seit den 70er Jahren war er mit Mathias Hietz befreundet und bestritt einige gemeinsame Ausstellungen.