Der Moment des Unausweichlichen
Welt der Frau, 11/98, Seite 26-28
Michaela Neuhauser-Pfaffenwimmer im Gespräch mit Herta Hellinger, die seit vielen Jahren Sterbende begleitet.
WdF: Was hat das Leben mit dem Tod zu tun?
H. Hellinger: Jeder Mensch stirbt im Laufe seines Lebens tausende kleine Tode, die mit Angst, Schmerz, Trauer und Abschied verbunden sind. Können Menschen das letzte Sterben lernen, indem sie leben? Leben und Tod gehören zusammen wie zwei Seiten einer Medaille. Keine ist denkbar ohne die andere. Der Tod ist eine natürliche Abfolge im Leben. Er ist weder schön noch schrecklich. Er ist das, was wir daraus machen. Allerdings haben wir das Sterben meist nicht in der Hand, es läuft nach inneren Gesetzen ab.
WdF: Stehen "leben lernen" und "sterben lernen" in einem Zusammenhang?
H. Hellinger: Ein altes Sprichwort sagt: "Wie man lebt, so stirbt man." Am Lebensabend, im Sterben, geschieht selten etwas völlig Neues. Vielmehr ist das ganze Leben eine Vorbereitung auf das Sterben: Ich habe immer schon mein Sterben vorbereitet, ob ich es wußte oder nicht.
Ein zweiter Aspekt ist: Wer sich für das Leben geöffnet hat, ist auch für das Sterben bereit. Wer aber glaubt, dass ihm das Leben viel schuldig geblieben ist, wird sich daran klammern und sich schwer tun mit dem Loslassen. Wer gelebt hat, kann auch sterben.
WdF: Was bedeutet das Sterben für das eigene Leben?
H. Hellinger: Das Konfrontiertsein mit dem eigenen Tod fordert eine Stellungnahme über das Leben und seinen Sinn heraus. .... Den nahen Tod im Blick, kann der Mensch Wesentliches und Unwesentliches besser unterscheiden.
WdF: Stellt sich die letzte Lebensphase als eine Zeit dar, in den Spiegel des Lebens zu schauen, Bilanz zu ziehen?
H. Hellinger: Wer Sterbende begleitet, weiß, dass es für Schwerkranke ein Bedürfnis ist, ihr Leben nochmals Revue passieren zu lassen, nochmals die Bilder des Lebens anzusehen, um es loszulassen. Eine Sterbende hörte ich sagen, nachdem sie mir einiges aus ihrem Leben erzählt hatte: "Das war es. Jetzt gebe ich es dir zurück." Und sie meinte Gott. .....
WdF: Kann man sich auf das Sterben vorbereiten?
H. Hellinger: Ich kann für die Vorstellung des Todes mehr oder weniger offen sein. Da Sterben, Tod und Trauer an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, ist auch jeder Gedanke daran verdrängt worden. Die Vorstellungen sind mit Angst und Unbehagen besetzt. Man stellt sich ihnen höchstens dann, wenn das Leben beziehungsweise der Tod uns damit konfrontiert. Wenn wir es auch nicht erlernen können, so können wir uns dennoch dem Sterben zuwenden, um so die Angst zu verringern.
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Herta Hellinger, Psychagogin und Dipl.-Soz.-Arbeiterin, begleitet seit Jahren als Mitglied im Hospizverein Berchtesgadener Land e. V. Menschen in den Tod.