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Reformbewegungen im Osmanischen Reich des 19. Jhd.

Nicht nur einzelne Individuen befinden sich zwischen Kulturen, es geht sogar soweit, dass eine ganze Nation eine neue Identität sucht und sie sogar zwischen den Kulturen sucht. Dem Einzelnen wird dann z.B. eine neue Bekleidung "vorgeschrieben". Der folgende Beitrag soll die Entwicklung dieses Landes vom osmanischen Sultanat zur modernen Türkei näher bringen

Sultan Mahmut II, Sohn des ersten Reformsultans Selim III (1789-1807), verschärfte den Konflikt mit der ehemaligen Elitetruppe der Janitscharen und vernichtete sie nicht nur politisch, sondern auch physisch (1826). Eine Modernisierung der Osmanischen Armee mit Hilfe preussischer Militärberater (Helmuth von Moltke) wurde eingeleitet.
Im Bereich des Bildungswesens wurden zusätzlich zu den traditionellen religiösen Schulen nun auch laizistische Schulen eingerichtet zur Heranbildung einer den Reformen entsprechenden Beamtenschaft.

Als äußeres Zeichen der strukturellen Erneuerungen erließ Mahmut II eine Kleiderverordnung, die Turban und Pluderhose durch einen gehrockähnlichen Mantel, enganliegende Hosen und den roten Fez ersetzte.

Die Nachfolger Mahmuts II (Abdülmecit und Abdülaziz) zentralisierten die Verwaltung in Istanbul, wodurch das alte System der Selbstverwaltung lokaler, nach Religionszugehörigkeit organisierter Gruppen ("millet") aufgegeben wurde.
Das islamische Rechtssystem wurde nach europäischen Mustern modifiziert, die Sonderregelungen für die einzelnen "millet" abgeschafft und somit eine grundsätzliche Gleichheit aller Untertanen vor dem Gesetz geschaffen. Diese "von oben" verordneten Modernisierungsmaßnahmen zwischen 1839-1876 wurden unter dem heute die ganze Periode bezeichnenden Begriff "Tanzimat" (=wohlwollende Anordnungen) zusammengefaßt.

Die erste osmanische Verfassung (1876) unter Abdülhamit (1876-1909) bekräftigte nicht nur die jüngst eingeführte politische Gleichberechtigung der nicht islamischen Bevölkerung, sondern brachte erstmalig die Einführung des Parlamentarismus (2 Kammern-System). Abdülhamit machte bereits 1878 von seinem in der Verfassung verankerten Recht Gebrauch, das Parlament aufzulösen, um es nicht wieder einzuberufen. Trotz seiner nunmehr autokratischen Herrschaft trieb er die Reformen weiter voran (Gewaltentrennung zwischen Exekutive und Justiz, Ausbau der Zivilgerichtsbarkeit zuungunsten der islamischen Gerichte, bürgerliches Gesetzbuch)

Abdülhamit verfolgte ideologisch den "Osmanismus", als identitätsstiftende Ordnung für alle Bürger des osmanischen Reichs ohne Unterscheidung nach ihrer ethischen und religiösen Zugehörigkeit. Die Beschwörung dieser jahrhundertealten osmanischen Staatspraxis war ein letzter Versuch, die aufbrechenden Nationalismen und Separationsbestrebungen im Reich abzuwehren.

"Dem osmanischen Reich sollte der moderne Nationalismus dennoch ebenso zum Verderben gereichen wie dem anderen großen supranationalen Kaiserstaat der damaligen Zeit, der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie."
Bernd Rill: Kemal Atatürk, Rowohlt 1991

Die sich im Untergrund und in der Emigration formierende Oppositionsbewegung der "Jungtürken" setzte dem "Osmanismus" Abdül Hamids einen türkischen Nationalismus entgegen. Der gemäßigtere Flügel der jungtürkischen Opposition, der sich durchaus zum osmanischen Konzept eines nationalitätenübergreifenden Staatsgebildes bekannte, kritisierte vor allem den absolutistischen und repressiven Herrschaftsstil des Sultans.

Im Zuge einer von den Jungtürken initiierten Militärrevolte wurde Abdül Hamid 1908 gezwungen, die Verfassung von 1876 wieder einzuführen. Nach einem mißlungenen Putsch wurde er 1909 abgesetzt und sein Bruder als Mehmet V inthronisiert. Sultan und Parlament waren von jetzt an zu Machtinstrumenten des nationalistischen Flügels der Jungtürken degradiert. Diese bestimmten das Handeln der zivilen Regierung und propagierten ihre Vision eines großtürkischen Reiches (Panturanismus).
Aus der ursprünglichen Oppositionsbewegung der Jungtürken ging auch Mustafa Kemal (Atatürk) hervor, der jedoch im Gegensatz zum regierenden jungtürkischen Komitée "Vereinigung und Fortschritt (Enver Pascha, Talat Pascha, Cemal Pascha) weder großtürkisch noch in militärischer Hinsicht Deutschland-freundlich eingestellt war.

Nachdem das osmanische Reich am Ende des 1. Weltkrieges als Verlierer im Bündnis mit den Mittelmächten zerrissen und aufgelöst zu werden drohte, begann Mustafa Kemal als Kommandant einer Armee in Anatolien den militärischen und politischen Widerstand zu organisieren. Dieser war sowohl gegen die alliierten Besatzungsmächte als auch gegen die seiner Meinung nach opportunistische Regierung unter Sultan Mehmet VI (1918-1922) gerichtet. Dieser sollte der letzte Herrscher der sich seit Anfang des 14. Jahrhunderts etablierenden Dynastie der Osmanen sein. Am 29. Oktober 1923 wurde die Türkische Republik ausgerufen und Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938) war ihr erster Präsident.

Seine Vision eines modernen, westlich ausgerichteten Staates hatte er bereits Jahre zuvor formuliert:

"Das Sultanat muß zerstört werden. Die Struktur des Staates muß auf einer homogenen Grundlage beruhen. Religion und Staat müssen voneinander getrennt werden. Wir müssen uns der östlichen Zivilisation entziehen und der westlichen zuwenden. Wir müssen die Unterschiede zwischen Mann und Frau aufheben und so eine neue soziale Ordnung gründen. Wir müssen die Schrift, die uns hindert, an der westlichen Zivilisation teilzunehmen, abschaffen. Wir müssen ein Alphabet, das auf der lateinischen Schrift beruht, finden, und wir müssen uns in jeder Beziehung, bis hin zu unserer Kleidung, auf den Westen hin ausrichten."
in: Akil Aksan (Hg): "Mustafa Kemal Atatürk / Aus Reden und Gesprächen", Heidelberg 1981