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Trockene Comics - Theorie

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Comic - Experimente

Comic ist nicht gleich Comic – es hat bis Ende der 60er Jahre gedauert, bis der oberflächliche Blick, der pauschalen Pejorisierung geschuldet, einem differenzierteren wich.

hier könnt ihr noch mehr in der "Geschichte der Comics" schmökern...

Die Korrespondenz von „unseriösem" Comic und „seriöser" Bildenden Kunst, wie sie Popart (Lichtenstein, Fahlström, Ramos u.a.) und Barbarella" (Forest) oder „Jodelle" (Bartier/Peellaert) demonstrierten, hat dazu nicht unmaßgebend beigetragen. Wie Textliteratur, wie Film oder Theater sollen und wollen Comics unterhalten; aber hier wie dort gibt es eine eher oberflächliche Unterhaltung, die sich auf die Variation trivialer Muster und Klischees beschränkt, oder solche, die inhaltlich wie ästhetisch besondere Seh- und Denkimpulse anregt und die Intention leichten Amüsements überschreitet.

Comic ist nicht gleich Comic – das bezieht sich auf Inhalte, auf Intentionen, auf intendierte Zielgruppen, auf Erzählweise und Gestaltung. Wer das erkannt und akzeptiert hat, weiß, daß man Comics nicht pauschal abhandeln kann, genauso wenig wie man z.B. den Roman oder den Surrealismus thematisieren kann, ohne sich intensiv mit Einezlbildbeispielen auseinanderzusetzen. Künstlerische Wertschätzung ist ein subjektives Urteil, das seine individuelle Unverbindlichkeit er im gesellschaflichen Diskurs verliert und im konkreten Vergleich festigt. Extrembeispiele wie Duchamps Readymades machen uns bewußt, wie wichtig Präsentationsweisen, Kontextwissen, die Meinungen anderer oder werkadäquate Zugriffsweisen sind, um Interesse, Bereitschaft zur Auseinandersetzung, Sensibilität und Verständnis für Kunstwerke zu entwickeln, die sich dem Routineblick des Alltags und seinen Erwartungen entziehen. Zugang zu finden ist dabei grundlegende Voraussetzung.

 

Musik, Literatur, Theater oder Bildende Kunst gaben ihre Foren: kompetente Auseinandersetzung und Besprechung in den Medien, Präsentation in Theaterhäusern, Konzertsälen, in gutsortierten Buchhandlungen und Bibliotheken, in Museen und Galerien. Künstlerischen Experimenten ist so die Chance gegeben, sich gegenüber Skepsis und Unverständnis zu behaupten, Verbündete zu finden, allmählich durch die Bereitschaft zur intensiven Auseinandersetzung zu überzeugen und breitere Akzeptanz zu erlangen. Schlimmster Feind jeden künstlerischen Angebotes ist Ignoranz und fehlender Zugang. Genau damit hat die „Neunte Kunst", haben Comics zu tun. Abgedrängt auf den schnellebigen Kiosk- und Bahnhofsbuchhandelsmarkt, behaftet mit dem Odium „trivialer Kost", die keiner Aufmerksamkeit, keiner ernsthaften Auseinandersetzung würdig sei, fehlt dem Comic- Angebot öffentliche Kenntnis wie kulturelle Akzeptanz.

Wer, außer den Insidern, den Comic-Fans, kennt die Vielfalt der Comic-Experimente? Wer wühlt sich in Comicläden durch die Masse des qualitativ so unterschiedlichen Angebotes? Wer liest Rezensionen in Fachzeitschriften wie Comixene, Comicforum oder Rraah? Wer ist ohne weiteres bereit die nicht geringen Kosten für einen Autorencomic aufzubringen und kennt Comic-Avantgarde-Zeitschriften wie Strapazin oder Boxer? Um das Angebot kompetent befragen, beurteilen zu können, bedarf es unvoreingenommener Rezipientinnen und Rezipienten, die Offenheit und Empaathie kennzeichnen – aber auch Kenntnisse, Wissen um Dimensionen und Möglichkeiten der Comics, was erst den geschärften Blick, was Vergleichen ermöglicht.

Das Betrachten von Bildern lernen wir, indem wir Bilder betrachten – wir wissen aber auch, wie wichtig Hilfen, Impulse, methodische Vorschläge usw. sind, initiierte Lernprozesse, die Grundlagen schaffen für ein fragendes, verstehendes Sehen, die unsere Sensibilisation fördern, ein den äußerlichen Impuls überschreitendes reflektiertes Rezipieren zu praktizieren. Für die Comic-Rezeption gilt das gleichermaßen. Hier hat die Schule, insbesonders der Kunstunterricht (Comics sind Bildgeschichten!) Aufgabe und Verpflichtung.

Vorrangiges Ziel ist, daß Schüler und SchülerInnen solche Beispiele kennenlernen, sich konkret und bewußt auf sie einlassen und hinsichtlich ihrer ästhetischen Mittel und den Anforderungen an den Rezipienten befragen. Es gilt, den Blick für spezifische Möglichkeiten und Leistungen der Bildfolge, der Montage, der Seitenkomposition, der Perspektive, des Stils, der Farbe, des Wort-Bild-Verhältnisses zu schärfen.

Was vermittelt der simultane Blick, was der fixierte, wie wird der Augenweg gesteuert? Was erfährt und empfindet der Bildleser (Inhalt, Charakterisierungen, Wertungen, Emotionen usf.), was muß er aktiv leisten (Klären von Unbestimmtheiten, kombinierende Füllen von Leerstellen)? Beispiele von Bildgeschichten wollen Anstoß zu Gesprächen geben über (begründetes) Gefallen bzw. Nichtgefallen, über Korrepondenz von Inhalt und Form, die spezifische Leistung der Bildgeschichte im Vergleich zu Textliteratur, Film und Theater. Die verbale Auseinandersetzung sollte ergänzt werden durch ästhetischpraktische Versuche:

Weiterführen der Sequenz mit dem vorgegebenen ästhetischen Repertoir; Entwickeln anderer Möglichkeiten zu Darstellung des Sequenzinhaltes; Übertragen der erkannten Erzähl- und Darstellungsmittel auf einen anderen Stoff.

Prof. Dr. Dietrich Grünewald unterrichtet am Institut für Kunstwissenschaft/Bildende Kunst der Universität Koblenz