M:O MUSEUM ONLINEACHTUNG: Sie befinden sich im Museum-Online-Archiv 1999. Die Inhalte dieser Seite sind unter Umständen nicht mehr aktuell.
 
JÜDISCHE EINFLÜSSE IN WIEN 
Unermeßlich ist der Anteil, den die jüdische Bourgeoisie durch ihre mithelfende und fördernde Art an der Wiener Kultur genommen... Neun Zehntel von dem, was die Welt als Wiener Kultur des neunzehnten Jahrhunderts feierte, war eine vom Wiener Judentum geförderte, genährte oder sogar schon selbstgeschaffene Kultur.

 Stefan Zweig

 Schon seit dem 12. Jahrhundert ist Wiens Geschichte mit dem Leben und Schicksal der in dieser Stadt lebenden Juden eng verbunden. Sowohl materielle aber auch geistige Einflüsse dieser ethnisch-religiösen Gruppe unter den Bewohnern Wiens, haben entscheidend zur Prägung des Stadtbilds beigetragen. 

In den Gründerjahren Ende des 19. Jahrhunderts hielten viele jüdische Industrielle große Marktanteile in Österreich. So kontrollierte die Bankiersfamilie Rothschild die österreichische Eisenbahn, die Reitzes die Wiener Tramway und die Wittgensteins das schlesische Kohlenrevier. Die Namen dieser Unternehmerdynastien scheinen heute noch bei diversen Ringstraßenpalais auf: Epstein, Todesco, Königswarter, Springer, Gutmann, Schey von Koromla u.a. 

Die geistigen Einflüsse von Komponisten wie Arnold Schönberg und Gustav Mahler, Schriftstellern wie Franz Werfel, Stefan Zweig, Karl Kraus, Manes Sperber, Elias Canetti, Architekten wie Josef Frank und Oskar Marmorek, Malern wie Tina Blau, Emil Orlik, Max Liebermann oder Richard Gerstl sowie Wissenschaftern wie Erwin Schrödinger, Otto Loewi und vor allem Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, haben zum kulturellen und intellektuellen Erfolg Wiens beigetragen. Dem jüdischen Glauben zufolge war die Anzahl der Literaten und Musiker aber immer größer als die der bildenden Künstler, da die bilderfeindliche Tradition ihres Glaubens lange Zeit hemmend wirkte. Die "glückliche Apokalypse" der Jahrhundertwende fand mit der Arisierung der Nationalsozialisten ein abruptes Ende. Dadurch wurde Wien um einen Teil seiner Identität beraubt, von der es noch heute zehrt. Heute sorgen prominente Künstler wie André Heller, Timna Brauer und Arik Brauer für neue Impulse.

Auch die Wiener Umgangssprache wurde von jiddischen Begriffen gefärbt, so sind Worte wie Beisl (=jiddisch für Wirtshaus), Hetz (für Spaß) oder Tschapperl (für ungeschickte Person) neben vielen anderen selbstverständlich in aller Munde. 

Foto: Jüdisches Museum Wien