Übersicht der Malerei im 20. Jahrhundert
Unwohlsein und Krise sind Schlüsselwörter für die Literatur im 20. Jahrhundert in Europa, sowie für die Kunst, für die auch die die Suche nach dem Neuen bedeutend war. Die fortschrittliche Malerei vom Futurismus bis zum Surrealismus, von der Pop-Art bis zur informellen Kunst ersetzt die Idee des Schönen (Spiegel der völligen Gefühlswelt) durch die Suche nach dem Neuen, der Widerspiegelung des Häßlichen, dem Experementieren oder der extremen Rationalität (man denkt an die abstrakte Kunst, an die funktionelle Architektur). Im Gegensatz zur Krise schwankt die Antwort der Intellektuelen zwischen Verantwortung und Flucht, Machtlosigkeit und Teilnahme, Protest und als Werkzeug benutzte Politik.
Zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts registriert die bildlich dargestellte Kunst eine gravierende Änderung in der Wahrnehmung der Realität. Die Künstler haben kein Vertrauen mehr in die Wirklichkeit und versuchen nicht mehr allein die Realität, sondern auch das was über das durch das Auge Erfaßbare hinausgeht, auf verschiedene Art und Weise darzustellen.
FUTURISMUS: 1910 erscheint das "Manifest der futuristischen Maler" und bald danach das " Technische Manifest der futuristischen Maler". In beiden sind die Erklärungen der Künstler, wie Balla, Boccioni, Carra, Russolo und Severini, zu finden. Die Futuristen wollen versuchen, die neue Wirklichkeit zu interpretieren, die von Kultur, Industrie, von Maschinen und Mythos, der Geschwindigkeit, Dynamik und dem Fortschritt bestimmt wird. Das Ende der kreativen Tat ist die Darstellung der Bewegung: Die Techniken um sich selbst zu verwirklichen, sind die simultanen Darstellungen der verschiedenen Abschnitte einer Bewegung.
EXPRESSIONISMUS: Der Gegenstand der Darstellung ist nicht die Wirklichkeit, sondern die subjektive Emotion, die die Wirklichkeit provoziert. Man hat also eine Ablehnung der traditionellen Regeln und eine Anstrengung der Deformation der naturalistischen Abschnitte der Vorstellung. Der Expressionismus ist vor allem ein deutsches Phänomen ( Gruppe "Die Brücke", 1905 von Kirchner, Schmidt-Rottluff, Nolde und Müller gegründet und die Bewegung "Der Blaue Reiter"), das großen Einfluß auf amerikanische Künstlerbewegungen hatte.
METAPHYSISCHE MALEREI: enstand zwischen 1910 und 1915, mit dem Werk von Giorgio De Chirico. Auf ihn wirkten Reize und kulturelle nicht malerische Elemente (Schopenhauer, Nietzsche), die in eine Realisation von magischer und rätselhafter Atmosphäre zusammenlaufen: die mysteriöse Stille der leeren Plätze einer Stadt, Puppen, gemeinsame Gegenstände, die in neuen Verbindungen stehen. Die metaphysische Malerei geht weg von der Realität der Natur und der Geschichte und erscheint parallel zur dadaistischen Forschung und als Vorläufer des Surrealismus. Das Privileg der Stimme des Unterbewußten, des Traumes und der automatischen Beschreibung (alles Charaktere des Surrealismus) wird von der Malerei De Chiricos kontrolliert und ironisiert.
In Italien gibt es in den 30er und 40er Jahren eine Wiederaufnahme der expressionistischen Ausdrucksweise, um Widerstand sowohl im politischen als auch künstlerischen Bereich zu demonstrieren.
Der Träger dieser Bewegung ist die Gruppe "Corrente" (1938), aus der die Persönlichkeit des Renato Guttuso hervortritt (1912-1988), der die ausdrucksstarke Gewalt Picassos mit "harten ,rauhen "Farben" und mit einem einschneidenden Zeichen verschärft, um damit die Bedeutsamkeit der Inhalte zu verstärken.
Am bekanntesten ist seine (Picassos) "Crocifissione" (=Kreuzigung) aus dem Jahre 1941, die ihn als Vertreter des sozialen Realismus identifiziert, fähig die Elemente der Volksepik wiederauszurufen und vom inneren Kern die Bezüge zur sizilianischen Volkstradition zu lösen.
"L’arte informale" (=informelle Kunst), die sich in Europa zwischen 1945 und 1960 verbreitet, tritt ins breite Feld der abstrakten Kunst ein, nicht nur wegen ihrer Ablehnung eines Bandes mit der sichtbaren Realität, sondern auch mit den Regeln der zusammengesetzten Struktur.
Die "Pittura Materica" gehört zur informellen Kunst, und beschäftigt sich mit Materalien der alltäglicheren Realität, und versucht Sensationen und Suggestionen, die die Materie im menschlichen Geist provoziert, hervorzurufen: das ist die Technik des Aldo Burri (geb. 1915), mittels ausgewählter Materialien ("Sacco e Rosso" 1956 ) teilt er uns ein Gefühl des Leidens und des Schmerzes mit. Lucio Fontana (1899-1968)macht immer mit dem Wunsch der informellen Kunst Löcher und Schnitte in die Leinwand, um einen undefinierten Raum zu schaffen, abstrakt und unentdeckt.
Zwischen dem Ende der 50er und den Beginn der 60er wohnt man einer Tendenz zur Wiederaufnahme der Bildlichkeit bei: die Künstler, vor allem aus dem nordamerikanischen Raum, versuchen eine Führungsrolle auf dem Kunstmarkt wiederzuerlangen, indem sie Druck auf die Spaltung ausüben, die sich zwischen der künstlerischen Ausdrucksweise und der, der sichtbaren Botschaften der Masse, festgesetzt hat.
Die POP-Art bewegt sich zwischen der Entweihung und der Verherrlichung der Bilder der Werbung, der Comics und des Fernsehens. In Europa hat die POP-Art eher intelektuellen und ironischen Charakter, man will auf Drängen der Reize der späten 60er und frühen 70er Jahre
die Schönheit, die Künstlichkeit "Bellezza, l’arteficità" des Kunstwerkes für nichtig erklären, um die Werke zu Trägern der Gedanken zu machen. So verwirklicht man eine Polemik gegen die Ausbeutung der Künstler durch den Kunsthandel.
In den letzten zehn Jahren ist der Begriff Postmoderne in die kritischen Lexika eingezogen, um ein Gefühl der Ernüchterung im Bezug auf den Experimentalismus auszudrücken. Die Postmoderne, von der sie sich mit äußerster Freiheit inspirieren läßt: der Künstler rächt sich an der Metaphysik, am Expressionismus, aber auch am Barock und der Klassik des 19. Jahrhunderts.
Italien und Deutschland spielen gemeinsam eine wichtige Rolle in der Renaissance "Rinascita" der Malerei, ist kurz gesagt die Station der Transavangarde ( Chia, Cucchi, Paladino ); und ist dann in den frühen 80ern die sogenannte und schnellvergessene "Citazionisti"; heute wechseln sich die Wiederaufnahme des magischen Realismus der 20er und die Wiederherstellung, die zwischen Kubismus und Expressionismus pendelt.