Lueger verzichtet "dermalen"
17. bis 26. September 1895. Bei den Wahlen zum Wiener Gemeinderat gewinnen die Christlichsozialen
eine Zweidrittelmehrheit - 92 von 138 Mandaten. Am 29. Oktober wählt der Gemeinderat Lueger
zum neuen Bürgermeister, doch verweigert Kaiser Franz Joseph I. die Bestätigung.
Die Christlichsozialen, erst seit 1893 unter der Führung Luegers fest organisiert, verfügten
bereits 1894 über 64 Abgeordete im Wiener Gemeinderat (gegenüber 66 Liberalen und acht
Parteilosen). Da aber keine arbeitsfähige Mehrheit zustande kam, verfügte der Statthalter
von Niederösterreich die Auflösung des Gemeinderates und Neuwahlen.
Sein Programm hatte Lueger bereits 1870 in seiner rechts- und staatswissenschaftlichen Dissertation
verkündet. Darin schrieb er unter anderem:
"Alle großjährigen Staatsbürger, welche
lesen und schreiben können, sollen aktives und passives Wahlrecht haben... Die Nationalitätenidee
ist verwerflich und ein Hemmschuh des Fortschritts der Mehrheit."
Der Adel und das Großbürgertum wandte sich daher entschieden gegen eine Wahl Luegers.
Der Gemeinderat findet sich allerdings nicht mit der Ablehnung Luegers durch den Kaiser ab.
Am 13. November wird der chistlichsoziale Politiker erneut - diesesmal mit 93 Stimmen - zum
Bürgermeister gewählt. Der Kaiser verweigert jedoch erneut die Bestätigung und läßt
den Gemeinderat auflösen. Die Wiener geben trotzdem nicht nach. Im April 1896 - bei der dritten
Bürgermeisterwahl - erhält Lueger bereits 96 Stimmen. Wien gleicht einem Hexenkessel, die
Christlichsozialen marschieren, und Ministerpräsident Kasimir Felix Graf Badini erkennt, daß
ihm hier ein möglicher Verbündeter gegen die Liberalen heranwächst. Vermittelnd
greift er ein und arrangiert eine Audienz beim Kaiser, der Lueger in einem einstündigen
Gespräch veranlaßt, "dermalen" freiwillig auf das Amt des Bürgermeisters zu verzichten
und sich mit der Position des Vizebürgermeisters zu begnügen. Luegers Parteifreund Josef
Strohbach (im Volksmund nur noch "Strohmann" genannt) wird Bürgermeister.
Am 8. April 1897 war es soweit. Nachdem Josef Strohbach am 31. März als Bürgermeister
von Wien zurückgetreten ist, wird Vizebürgermeister Dr. Karl Lueger mit großer
Mehrheit zum vierten Mal in das höchste Amt der Stadt Wien gewält. Diesmal bestätigt
Kaiser Franz Joseph I. die Wahl des Gemeinderates am 14. April.
Quelle: v. Reden; Österreich - Ungarn
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