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MODE & MORAL IN WIEN UM 1900




In der Mode und den Bekleidungsgewohnheiten spiegeln sich die gesellschaftlichen und politischen Strukturen eines bestimmten Kulturkreises wider. Diese Tatsache stellte Stefan Zweig (1881-1942) bereits in seinem Buch "Die Welt von Gestern - Erinnerungen eines Europäers " fest:

"... man braucht bloß auf die Mode zu blicken, denn jede Mode eines Jahrhunderts verrät mit ihrer optisch gewordenen Geschmacksrichtung unwillkürlich auch seine Moral."

In diesem Buch schildert und analysiert Stefan Zweig auch das Leben im Wien der Jahrhundertwende, denn er hatte als Sohn einer reichen Wiener Industriellenfamilie jüdischen Ursprungs viele Jahre seines Lebens in Wien verbracht. Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg zwangen ihn jedoch zur Emigration. Nach Aufenthalten in England und New York ließ sich Stefan Zweig in Brasilien nieder. Dort nahm er sich aus Verzweiflung über die Zerstörung seiner geistigen Heimat 1942 das Leben.

Stefan Zweigs Gedanken zu Mode & Moral:

"Während der junge Mann und die junge Frau unserer Zeit ... schon an ihrer äußeren Erscheinung sich kameradschaftlich einander anpassen, distanzierten sich in jener Epoche die Geschlechter ... . Die Männer trugen lange Bärte zur Schau oder zwirbelten zum min= desten einen mächtigen Schnurrbart als weithin erkennbares Attribut ihrer Männlichkeit empor, während bei der Frau das Korsett das wesentliche weibliche Geschlechtsmerkmal des Busens ostentativ sichtbar machte.
Überbetont war das sogenannte Geschlecht auch in Haltung, die man von ihm verlangte, der Mann forsch, ritterlich und aggressiv, die Frau schüchtern und defensiv, Jäger und Beute, statt gleich und gleich.
Durch diese unnatärliche Auseinanderspannung im äußeren Habitus mußte ... die Erotik sich verstärken, und so erreichte dank der unpsychologischen Methode des Verhüllens und Verschweigens die Gesellschaft von damals genau das Gegenteil. Denn da sie in ihrer unablässigen Angst und Prüderie dem Unsittlichen in allen Formen des Lebens, Literatur, Kunst, Kleidung ständig nachspürte, ... war sie eigentlich gezwungen unablässig an das Unsittliche zu denken."

Wie sehen Mode und Bekleidungsgewohnheiten in Wien um die Jahrhundertwende aus?


			Ringstraßenkorso
			Carl Schuster (um 1895)

Für die besitzende Schicht war die Kleidung ein wichtiger Teil ihres Selbstverständnisses, ihres Standesdünkels. Ihr Geschmack war jedoch größtenteils sehr konventionell und bevorzugte die körperfeindliche, unnatürliche Mode. Nur wenige wagten es, neue Kleidung, die unkomplizierter waren und dem Körper mehr Bewegungsfreiheit gaben, anzuziehen.

Für die ärmere Schichten war die Mode nicht so sehr von Bedeutung, da sie ihre Grundbedürfnisse - Wohnen und Essen - aufgrund ihrer schlechten finanziellen Situation oft nur schwer befriedigen konnten. Außerdem mußte ihre Kleidung bequem sein, da sie oft körperlich schwer zu arbeiten hatten.

Zur Kleidung der besseren Gesellschaft:

Für die "D A M E"

war das Ankleiden eine äußerst umständliche Prozedur, die ohne fremde Hilfe gar nicht möglich war.
Zuerst mußte die Zofe unzählige Haken und Ösen zumachen, dann wurde das Korsett mit aller Kraft zugezogen (der Taillenumfang sollte möglichst nur 40cm betragen, ein Grund für die vielen Ohnmachtsanfälle), danach ging es an das Auftürmen des langen Haars mit Unmengen von Haarnadel, Spangen und Kämmen, schließlich folgten etliche Unterröcke, Polsterungen und korbartige Gestelle für Busen und Gesäß, Jäckchen,... und zum Schluß das eigentliche Kleid mit Rüschen, Volants und Draperien.
In dieser Art gekleidet war es der Dame nicht mehr möglich, sich frei und grazil zu bewegen, sie wurde zur Gefangenen.
Die wirkliche Körperform der Dame wurde durch diese Kleidung verheimlicht, dies entsprach den moralischen Grundsätzen der Zeit, die durch das Verhüllen des Körpers die menschliche Sexualität verdrängen wollte. Deshalb mußten die Frauen auch beim Schwimmen, den Körper gänzlich bedeckende Badekostüme (vom Hals bis zur Ferse) tragen. Selbst im heißesten Sommer hatten wohlgesittete Damen Handschuhe anzulegen.
Das Tragen von Hosen war ein Privileg der Männer, nur wenige selbstbewußte Frauen wagten es, Beinkleider zu tragen, so z. B. die österreichische Kaiserin Elisabeth (1837-1898) beim Ausreiten auf ihrem ungarischen Landsitz, die französische Schriftstellerin George Sand (1804-1876) und die französische Malerin Rosa Bonheur (1822-1899). Eine Dame der bessere Gesellschaft sollte das Wort "Hose" gar nicht über die Lippen bringen, denn dies galt bereits als unschicklich.



Skifahrerinnen im Bregenzerwald (um 1920)

Erst in den 30er Jahren setzte sich die Hose als Bekleidungsstück für die Frau bei sportlichen Aktivitäten voll durch.

Für den "H E R R N"

war die Mode mit den hohen, weißen, steifen Kragen (Vatermörder genannt), den frackähnlichen Röcken und den hohen, zylinderförmigen, steifen Hüten ebenfalls nicht bequem, geschweige denn praktisch.
Steifer Kragen und steifer Hut waren für das Bürgertum ein Symbol für starken Charakter und strenge moralische Ansichten. Außerdem ermöglichte das Tragen des Zylinders bestimmte Begrüßungrituale und Verhaltensregeln, die den hierachischen Strukturen der damaligen Zeit gerecht wurden.

Vom Korsett zum Reformkleid:


Modell zur Demonstration von Korsettschäden (um 1900)

Die prüden, teilweise neurotisierenden Moralvorstellungen des 19. Jahrhunderts wurden um die Jahrhundertwende immer mehr in Frage gestellt, verschiedene Faktoren (z.B. die Emanzipation von Frau und Mann, die Freudsche Psychoanalyse, mehr Bildung und Freiheiten) haben zu dieser befreienden Entwicklung beigetragen.

Diese Veränderungen beeinflußten auch die Mode in Wien um 1900, es entstanden Bewegungen, die die Damenkleidung reformieren wollten, damit diese gesünder (Abschaffung des Korsetts zur Vermeidung der Deformierung des Körpers), hygienischer (Weglassen der Schleppe als Staub- und Bakterienfänger), leichter (diverse Röcke und Polsterungen), praktischer werden konnte.
Diese Reform der Frauenkleidung war für alle Schichten gedacht, doch setzte sie sich nur bei gebildeten, aufgeschlossenen Damen der Bürgerschicht durch. Da der Jugendstil die schwungvolle und fließende Wellenlinie liebte, kam für den weiblichen Körper die typische S-Silhouette (Busen hochgezogen und eng zusammen, eingezogener Bauch, herausgedrücktes Gesäß, an den schmalen Hüften ein enganliegender Rock, der ab den Knien etwas weiter wird) in Mode, welche jedoch nicht auf das Korsett verzichten konnte.

Emilie Flöge, langjährige Freundin von Gustav Klimt, führte einen Haute-Couture-Salon in Wien und stellte auch Reformkleider her, die sie teilweise mit Klimt zusammen entwarf. Doch war die Klientel für diese Art von Kleidern zu klein, um davon leben zu können. Das Geld wurde mit der konventionellen Mode verdient.


		  Emilie Flöge
 		  Gustav Klimt (1902)
		  Österreichische Galerie, Wien
 

In Gustav Klimts Damenportraits finden sich beide Moderichtungen, die konventionell und die reformiert gekleidete Dame.

Beispiele hierzu:
Portrait von Adele Bloch-Bauer I (entstanden 1907, Österreichische Galerie/Wien)


			  Adele Bloch-Bauer I

Gustav Klimt (1907)


Portrait von Adele Bloch-Bauer II (entstanden 1912, Österreichische Galerie/Wien)


			      Adele Bloch-Bauer II

Gustav Klimt (1912)
Auf dem ersten Bildnis wurde Adele Bloch-Bauer in einer weiten, ornamentverzierten Robe dargestellt, auf dem zweiten jedoch in einem eng geschnürten Kleid.
Beide Kleider liegen jedoch um den Hals sehr eng an, was als eine Fessel gedeutet werden kann, die der Frau in vielen Lebensbereichen noch auferlegt war. Zusätzlich wird die Portraitierte durch die ornamentale Pracht eingeengt, auf das bloße "Schön-Sein" reduziert.

Mode um 2000 in Westeuropa:

Heutzutage spiegeln sich in der Mode die demokratischen Strukturen wider, so z.B. ist jede Rocklänge erlaubt, viele Kleidungsstücke können unabhängig vom Geschlecht, Alter oder sozialer Stellung getragen werden.

Literatur:
  • Buxbaum, Gerda. Mode aus Wien. Salzburg & Wien. Residenz Verlag. 1986
  • Katalog zur Vorarlberger Landesausstellung: Kleider und Leute. 1991


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