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EIN GEDICHT VON RAINER MARIA RILKE
Ein Händeineinanderlegen,
Ein langer Kuß auf kühlen Mund,
Und dann: auf schimmerweißen Wegen
Durchwandern wir den Wiesengrund
Durch leisen, weißen Blütenregen
Schickt uns der Tag den ersten Kuß -
Mir ist: Wir wandeln Gott entgegen,
Der durchs Gebreite kommen muß.
Informationen zu Rainer Maria Rilke:
Dieses Gedicht wurde in der Zeitschrift "Ver sacrum" (offizielle Zeitschrift der Wiener
Sezession) veröffentlicht. Rainer Maria Rilke schrieb dieses Gedicht in der Zeit des Jugendstils (um 1900). Dies war
eine Zeit, in der es viel Armut, Krankheit und Elend gab. Der Unterschied zwischen Arm und
Reich war groß. Diese Lebenssituation war für die Menschen Grund genug, aus
dem wirklichen Leben entfliehen zu wollen. Die ärmeren Schichten konnten oftmals
denAlltagstrott und die Armut nicht mehr ertragen. Auch viele reiche Leute waren mit ihrem
Leben nicht zufrieden, wollten aus ihrem für die Öffentlichkeit perfekt
gespielten Leben fliehen.
Das Gedicht gliedert sich formal und inhaltlich in zwei Abschnitte. Im Text reimen sich immer die jeweils übernächsten Satzenden. Nach jedem
Satzzeichen beginnt ein neuer Gedankengang. Ob Rainer Maria Rilke in diesem Gedicht von einer Naturgegebenheit oder von eine Erlebnis
zweier Menschen erzählt, ist nicht genau zu erkennen und wahrscheinlich der
Phantasie jedes einzelnen zu überlassen.
Interpretationsversuch:
Ein Händeineinanderlegen, ...
Verbindung schaffen
- Geborgenheit spüren
- zwei Verschiedenheiten treffen zusammen
- beschützend
- Wärme und Schutz erfahren
Ein langer Kuß auf kühlen Mund, ...
- eine zarte Berührung
- im Nebel verhüllt die Erwartung, was kommen wird
- zurückhaltend, achtsam dem Neuen das Gesicht zuwenden
Und dann: auf schimmerweißen Wegen
Durchwandern wir den Wiesengrund. ...
- jetzt: klar erkennen
- alles offen und frei vor sich haben
- wie durch Sonnenstrahlen klar erleuchtet
- nur das Wesentliche sehen
- die Wurzel der Blüte - tief verankert
Durch leisen, weißen Blütenregen
Schickt uns der Tag den ersten Kuß - ...
- wie auf Wolken
- selig
- erfüllt von Liebe und Zärtlichkeit
- ein unbeschreibliches Glücksgefühl
- die erste innige Berührung
Mir ist: Wir wandeln Gott entgegen,
Der durchs Gebreite kommen muß.
- Wärme und Geborgenheit, die von Gott geschenkt, immer näher spüren.
Weiß, die Farbe der Jahrhundertwende:
Die Farbe Weiß symbolisiert Reinheit, Unschuld, maximale Helligkeit, ...
Die Kunst der Jahrhundertwende liebt die Farbe Weiß (aber auch die Farbe Schwarz).
So z. B. gestaltete der Künstler Aubrey Beardsley seine Illustrationen
ausschließlich in Schwarz und Weiß; auch der Architekt Josef Hofmann setzte die
Farben Weiß und Schwarz häufig bei seinen Designarbeiten (Möbel,
Geschirr, Stoffe,... ) ein.
Weiße Kleidungsstücke (siehe Klimts Frauenportraits), weiße Blumen- und
Tierarten werden bevorzugt in der Jugendstilmalerei dargestellt.
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