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HINTERGRÜNDE ZU SCHIELES GEFÄNGNISAUFENTHALT & BREGENZREISE




Egon Schiele schrieb folgende Passage in einem Brief an Franz Hauer (Gastwirt & Kunstsammler), 25.1.1914:

"Mir ekelte vor meiner früher so innig geliebten melacholischen Landschaft in Neulengbach. - es trieb mich als Gegensatz an die Grenze(!); ich blieb in Bregenz 1912 und sah nichts als den verschieden stürmenden See und ferne weiße sonnige Berge der Schweiz.- ich wollte ein neues Leben beginnen. - Aber bis jetzt konnte ich`s nicht. - nichts gelang mir noch in meinem Leben. - ich sehne mich nach freien Menschen. - So lieb mir Österreich ist, ich beklage es ..."


Frage 1: Warum ekelte es Egon Schiele vor der Landschaft in Neulengbach?
Frage 2: Warum trieb es Egon Schiele an die westlichste Grenze der Monarchie?
Frage 3: Warum war die Erotik und Sexualität für Egon Schiele so ein wichtiges Bildthema?
Frage 4: Wie würde heutzutage Schieles Lebensweise und legerer Umgang mit den Kindern beurteilt werden?


Zur Frage 1: Affäre Neulengbach...
Egon Schiele mußte sein Quartier in Krumau aufgeben, da die Bevölkerung seine Lebensart nicht tolerierte. Sie nahmen Anstoß an seiner "wilden Ehe" (mit seinem Modell Wally Neuzil), an seiner künstlerischen Arbeit (zeichnete viele Aktzeichnungen) und an seinem legeren Umgang mit Kindern (zeichnete gerne pubertierende Mädchen in erotischen Posen und versäumte, seine erotischen Zeichnungen vor den neugierigen Kinderaugen zu verstecken).

Schiele wurde sogar von Freunden wegen diesem unbekümmerten Umgang mit Kindern gewarnt. In den "Handschriftliche Erinnerungen" von Otto Benesch (ein guter Freund von Schiele) findet sich folgende Aussage:

"Ich hatte Schiele immer gewarnt, beim Umgang mit seinen Kindermodellen vorsichtig zu sein und nichts ohne Einverständnis der Eltern zu unternehmen. Er gab mir beruhigende Erklärungen...".

Schiele blieb auch in Neulengbach - sein nächster Wohnort - recht sorglos und leger im Umgang mit Kindern. So kam es am 13. April 1912 zum Eklat: Schiele wurde verhaftet und eingesperrt, weiters wurden 125 erotische Zeichnungen beschlagnahmt.

Schiele wurde erstens wegen Entführung und Schändigung einer Minderjährigen sowie zweitens wegen der Tatsache, daß Kinder bei ihm erotische Zeichnungen sehen konnten, angeklagt. Der erste Anklagepunkt wurde fallengelassen (wahrscheinlich zogen die Eltern des Mädchens die Anzeige zurück), somit fiel die Strafe geringer aus. Schiele verbrachte insgesamt 24 Tage im Gefängnis. Der Richter verbrannte eine erotische Zeichnun während der Gerichtsverhandlung.

(Noch eine kurze Bemerkung: Der Richter war Sammler erotischer Zeichnungen.)


In der Haft schuf Schiele 13 aquarellige Zeichnungen (Arbeiten davon befinden sich in der Albertina, Wien).
Schiele zeichnete und malte in äußerster Bedrängnis, denn er wußte ja nicht, wie der Prozeß enden würde.


In diesen Bildern kommen zwei Bildthemen vor:

  • Selbstbildnis:
    In schonungsloser Art stellte er in diesen Selbstportraits die existenzielle Bedrohung dar.

  • Gefängnisatmosphäre:
    Verschlossene Tür, enger Gang, karges Mobiliar,...


    Auf diese Bilder schrieb Schiele kurze Kommentare, die beinahe testamentarisch wirken und seine Stimmungslage, die zwischen Hoffnung und Verzweiflung lag, veranschaulichen.

  • "Die Orange war das einzige Licht, 19.IV."
  • "Mein Wandelweg führt über Abgründe. 27.IV."
  • "Ich liebe die Gegensätze. 24.IV."


    Zur Frage 2: Schieles Reise nach Bregenz...

    Nach dem Gefängnisaufenthalt unternahm Schiele Reisen (z.B. nach Kärnten, Triest, Bregenz), wahrscheinlich um von der Affäre auch örtliche Distanz zu gewinnen. Außerdem suchte sich Schiele eine Wohnung bzw. ein Atelier in Wien.

    Im Sommer 1912 fuhr Schiele mit der Bahn nach Bregenz und wohnte in einem Gasthaus am See (Reichstr. 13, heute abgerissen). Wahrscheinlich begleiteten ihn auf dieser Reise seine Freundin Wally und seine Mutter. Schiele fuhr von Bregenz aus nach München und eventuell auch nach Zürich (Ausstellungsbesuche, Treffen mit Galeristen).
    Schiele nützte die Zeit am Bodensee auch zum Zeichnen und Malen.

    Ein Aquarell, das während des Bregenzaufenthalts entstand, möchten wir nun kurz besprechen:


    "Kastanienbaum" (Blick vom Seeufer bei Lochau...), 1912, Aquarell, Privatbesitz

    Bildbeschreibung:

    Ein junger, schlanken und hochgeschossener Kastanienbaum teilt das hochformatige Bild in zwei annähernd gleich schmale Hälften. Der Boden, aus dem der Baum wächst, sowie der obere Teil der Krone bleiben dem Betrachter verborgen.
    (Betonung der Vertikalen - Höhendrang - das Nicht-Platz-Haben)

    Das gebirgige Ufer kreuzt den Baum horizontal im unteren Drittel.
    (Horizontale Stabilität)

    Unterhalb und oberhalb dieses Uferstreifens breiten sich leere, also unbemalte Papierflächen aus und sind als Wasser und Himmel gedacht.
    (Kontrast: Leere zu Häufung / Konzentration)


    Interpretationsversuch:

    Wie können wir diesen vereinzelten Baum, der über dieses Blatt hinauswächst, deuten und verstehen?

    VEREINZELUNG bedeutet

    entweder:

  • Platz zur Entfaltung
  • Freiheit
  • Licht und Luft

    oder:

  • Einsamkeit
  • Ausgrenzung
  • Ausgesetzt-Sein


    AUSSEHEN DES BAUMES bedeutet

    entweder:

  • junger, frischer Baum
  • Biegsamkeit des Stammes
  • dynamisches Wachstum

    oder:

  • Verletzlichkeit und Schwäche (Stütze)
  • wenig Substanz (dürres Laub im Sommer)

    Vielleicht paßt diese gegensätzliche Deutungsmöglichkeit zum seelischen Zustand Schieles nach der Neulengbacher Affäre. Schiele beschreibt sich selbst einmals als "ein wenig zaghaft und ein wenig selbstbewußt". Auch diese Selbstbeurteilung zeigt wieder diese Polarität.

    Zur Frage 3: Wie würde heutzutage Schieles Lebensweise beurteilt?

    Auch ca. 100 Jahre später müßte er mit Schwierigkeiten rechnen. Stellen wir uns vor, Schiele würde im Bregenzer Wald wohnen und arbeiten, Kinder gehen bei ihm ein und aus, könnten seine Aktzeichnungen sehen, und er würde junge Mädchen in seiner Art und Weise malen. Mit großer Sicherheit würde es wieder Anzeigen geben...

    Zur Frage 4: Erotik und Sexualität bei Schiele...

  • Für die Zeit um 1900 war die Sexualität typisch. Deshalb war das Interesse von jungen Menschen an diesem tabuisierten Thema oft sehr groß, manchmal übersteigert. Diese Tatsache könnte als eine der Ursachen für Schieles Vorliebe an diesem Thema angesehen werden.

  • Auch in der Erwachsenenwelt war Erotik und Sexualität ein wichtiger Bereich, doch wurde dieser nach außen hin durch strenge moralische Prinzipien getarnt (Scheinmoral). Für Schiele waren Arbeiten mit erotischem Inhalt viel leichter zu verkaufen (ausschließlich männliche Kunden) als andere. Auch dies könnte noch eine zusätzliche Erklärung für seine vielen lasziven Bilder sein.

  • Seine jüngere Schwester Gertrud, die recht hübsch war, stand ihm oft Modell. Vielleicht weckte auch sie sein Interesse an der freizügigen Darstellung von pubertierenden Mädchen.

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